Urknall, Chaos und Ordnung: Die Wissenschaft geht davon aus, dass das All einen Anfang in Raum und Zeit hatte. Damals sei alle Materie auf kleinstem Raum gesammelt gewesen, bevor sie sich in einem gewaltigen, so genannten „Urknall“ ausgebreitet habe. Aus anfänglichem Chaos sei allmählich eine Ordnung entstanden, die sich uns heute – trauen wir insbesondere den Bildern des Weltraumteleskops Hubble – in einem grandios bunten Weltall aus Millionen von Galaxien und noch mehr Sternen zeigt. Doch trotz dieser Ordnung im Großen, so meinen viele Wissenschaftler, finde sich noch immer das Chaos, auch Werden und Vergehen lägen im Weltall dicht beieinander, ähnlich wie es uns von der Erde bekannt ist. Experimente zur so genannten „Chaostheorie“ zeigten hierzu auf, dass unter einer geordneten Oberfläche scheinbar überall die Unordnung herrscht und diese alltäglich Teil unseres Lebens ist. Sollte diese Welt also nicht nur einen Anfang haben, sondern zudem einen Schöpfer kennen, wäre es ein Gott oder eine Göttin als die ordnende Kraft im einstmals völligen Chaos, die, aus welchem Grund auch immer, so scheint es jedenfalls, keineswegs alles Chaos beseitigt hat.
Geburt und Werden: Nicht unstatthaft dürfte der Vergleich sein, die Geburt aus dem Mutterschoß, einen Urknall in ein leuchtend buntes Chaos zu nennen, auch wenn wir den ersten gewaltigen Sinneseindruck von dieser Welt inzwischen vergessen haben. Ebenso vergleichbar entwickelt sich weiter mit dem Heranwachsen ein erstes kleines Universum, in dem sich ein jeder seinen Platz sucht. Allerdings erreicht der Mensch erst mit der Selbstversorgung und der persönlichen Freiheit ein erstrebtes, gewisses Maß an eigener Ordnung und Zufriedenheit. Zuvor ist der Mensch fremdbestimmt, teils sogar geknechtet, nur um aus ihm ein funktionierendes Mitglied unserer Gesellschaft zu formen. So ist das junge Leben leidvoll, insbesondere wenn der Heranwachsende für seine Unfreiheit besonders empfänglich ist.
Chaos und Leid im Leben: Trotz einer möglicherweise entwickelten ersten eigenen Ordnung bleiben Chaos und Leid latent Bestandteile unseres Lebens. Der Mensch wird überrascht von Gefühlen, leidvolle Geschehnisse lassen sich nicht vorausahnen oder gar abwenden und wahre Schicksalsschläge können das Leben erneut zur Qual machen. Somit bleibt die persönliche Geschichte immer ein Stück weit dem Schicksal, eigentlich einer Art Chaos unterworfen.
Buddha hielt deshalb das Aufheben dieses neuen Leids für die wichtigste Voraussetzung eines Prozesses, in welchem schließlich eine höhere Stufe der Selbstzufriedenheit, weiter sogar das Verlöschen der Seele aus dem Geburtenkreislauf erreicht werden könne. Ein späterer Mystiker, Mohammed, wollte dagegen seinen Anhängern jegliches Leid in diesem Leben ersparen und vermittelte einen Verhaltenskodex, dessen Einhaltung ohne Leid zur göttlichen Aufnahme führen sollte.
Lassen wir diesen, vor dem Hintergrund eigenen Leids unverständlichen Wunsch Mohammeds einmal außen vor und stellen das Gemeinsame heraus: Beide wollten das Leid verringern und eine Ordnung erstellen, allerdings mit unterschiedlichen Ansätzen: Buddha richtete sich mit seiner Lehre an alle Menschen persönlich, während der Ansatz Mohammeds eher gesellschaftspolitischer Natur war. Zeitlich vor beiden, doch schon beide Ansätze verbindend, zeigte sich als Rätselmeister (Tao-te-king, 41. Spruch) der größte Mystiker des Altertums, der Chinese Laotse mit seinen Überlegungen zu Führung und Kraft aus der Ewigkeit.
(Laotse im 41. Spruch:
Hört ein hoher Meister von der Führerin des Alls,
So wir er angeregt und handelt entsprechend.
Hört ein mittlerer Meister von der Führerin des Alls,
So nimmt er halb an, halb zweifelt er.
Hört ein niederer Meister von der Führerin des Alls,
So lacht er gewaltig darüber.
Würde er nicht lachen, so wäre es auch nicht die eigentliche Führerin!
…)
Das Kleine wie das Große: Das Chaos dürfte spätestens mit der Geburt des Alls in die Welt gekommen, könnte aber auch älter als diese Welt sein. Es zeigt sich im gesamten Universum und ist im persönlichen Rahmen für empfindende Menschen stets von Schmerzen in körperlicher wie in seelischer Hinsicht begleitet. Das Leiden um das Chaos wird aufgehoben, wenn eine neue Ordnung an die Stelle der einstigen Unfreiheit oder aber des früheren Chaos’ selbst getreten ist. Geburt, Schmerz, Leid und Chaos gehören daher untrennbar zueinander, bis eine erste oder aber eine höhere Ordnung (Freiheit oder Weisheit) erreicht wird.
Vergegenwärtigen wir uns Geburtsprozesse allenthalben, besonders das Leiden der Gebärenden, werden eben jene Bilder und Empfindungen spontan Frauen zugeschrieben. Sind Geburt, Schmerz, Leid und Chaos aber eng miteinander verwoben, muss – gleich dem Geburtsprozess im Kleinen – der Schöpfungsakt des Universums einer weiblichen Gottheit zugeschrieben werden. Stellen wir das Chaos den Gefühlen gleich, denen man „nicht Herr wird“ und beleuchten wir die nach der Geburt einsetzende mütterlich, fürsorgliche Liebe um den Platz des Kindes in der Gemeinschaft (Ordnung), muss Gott überwiegend weiblich geprägt sein.
Mit Buddhas oder Laotses Überlegungen zum Lebenssinn erschiene das Chaos damit im Licht einer mütterlich, weiblicher Liebe, gedacht und geeignet, die Persönlichkeit zu entwickeln. Beobachtungen allenthalben von Schamanen aus Seelenreisen oder aber von Mystikern aus Traumbildern um Bänder der Liebe zwischen Gott und den Menschen erhärten diese Annahme. Zugleich erinnern diese seit jeher berichteten Erlebnisse an junge Überlegungen zur „Stringtheorie“, nach der alle Prozesse des Alls durch verschiedenartige „Strings“, also etwa elektrische, magnetische oder sonstige „Fäden“ bewegt werden.
Am Rande notiert, darf es daher nicht verwundern, dass sich das Geheimnis des Lebens eben nicht im Tod zeigt, wie es schamanisierend Jesus vielleicht vermutete, sondern in der Geburt, deutlich gesprochen, in der Auflösung des größten Schlüsselerlebnisses, der Abtreibung.
Doch zurück: Wenn unter ein weibliches Gottesbild Geburt, Schmerz, Leid, Chaos zudem noch (mütterliche) Liebe zu fassen sind, gehören zu einem männlichen Gottesbild Ruhe, Ordnung sowie – der Tod. Tatsächlich ist diese männlich dominierte Welt denn auch von eiserner Ordnung, Unterdrückung, Raubbau an der Natur sowie von der Faszination des Tötens geprägt, nehmen wir hinsichtlich Letzterem einmal Vernichtungslager, moderne HiTec-Waffen oder Schlachtautomaten für Tiere heraus. Dagegen laufen die wirklich wichtigen Dinge im Leben, wie etwa die Partnersuche, die Partnerwerbung, schließlich die Befruchtung oder die Geburt noch immer vom Menschen weitestgehend ungeordnet ab. Wenn es daher folglich einen Gott in dieser Welt gibt, der seit Anbeginn des Universums diese Welt bewegt, ist es ein Gott, gebärend und ordnend im Chaos, in Schmerz und Leid gestärkt und deshalb von den Menschen für eine höhere Ordnung Schmerz und Leid erwartend. Dieser Gott kann nur ein Gott sein, der im Wesentlichen mit weiblichen Attributen ausgestattet ist. Dennoch vereint Gott als die ordnende Bewegerin im scheinbaren Chaos beide Teile des Wesens in sich, nämlich Weiblichkeit und Männlichkeit (s.a. Tao-te-king, 42. Spruch). Sie verbirgt diese Dualität sofort, wird sie nur als unpersönlich absolute Instanz (von einem „Täter“) in Anspruch genommen, wie es uns bereits Buddha übermittelte. Unsere Aufgabe aber ist es, für eine höhere Ordnung aus der Dualität heraus die leidvollen Erfahrungen zu machen, die uns eines Tages befähigen sollen, mit ihr auf Augenhöhe zu kommunizieren, als Kinder, die sich in einem persönlichen Reifeprozess ihrer Seele zu freien und erwachsenen Menschen entwickelt haben.
(Laotse im 42. Spruch:
Die Führerin des Alls bringt die Einheit hervor (Pantheismus),
Die Einheit bringt die Zwei hervor (Mann + Frau),
Die Zwei bringen das Dritte hervor (Liebe),
Die Drei bringen die zehntausend Wesen hervor (Kinder).
Die zehntausend Wesen tragen daher rückwärts das Dunkle
(Auflösung mittels Rückschau durchs Leben)
…)