Noch einmal: Ist Mystik Religion oder Philosophie?
von Claus-Peter Peters
Die wohl größte Hürde in der Akzeptanz der „freien Mystik“ resultiert aus der Angst, dem Gedankengut einer Sekte aufzusitzen und am Ende nicht mehr aus einer solchen Sekte herauszukommen. Da hilft es offenbar wenig, wenn ich versichere, Sie zum Schöpfer Ihrer eigenen Religion werden lassen zu wollen. Denn immerhin scheint mit dem eigenen Religionsschöpfer wiederum Religion und damit ein Widerspruch ins Spiel zu kommen, selbst wenn ich Mystik als einen Teil der Philosophie bezeichne. Dabei sind Ansatz und Ergebnis ein nur scheinbarer Widerspruch, wie nachfolgend aufgezeigt werden soll.
Nehmen wir einmal den Religionsstifter Buddha heraus, der eine allgemein gültige philosophische Schule zu gründen beabsichtigte, als er etwa Thesen formulierte, man müsse dem Leiden ein Ende und sich dann mit der Lebensgeschichte auseinander setzen. Dabei verkannte Buddha, dass viele Menschen ihrem Leiden gar kein Ende bereiten können. Denn leidvolle Erfahrungen „schwappen“ einfach weiter in das Leben hinein, selbst wenn Sie sich auf den höchsten Berg stellten und laut „Aufhören“ brüllen würden. Buddha erkannte nicht, dass er sich diesbezüglich in einer privilegierten Situation befand, nämlich das Ende seines Leidens selbst bestimmen zu können. Bei den meisten Menschen laufen Leben und Leiden einfach weiter und Zeit zum erkennenden Durchdenken des alten Leids (Jahrelanges Meditieren im Schneidersitz) scheint es nicht zu geben. Doch lassen wir dies einmal dahinstehen, so lernen wir, dass es ein Leiden aus dem Leben selbst heraus gibt, neben einem Leiden, die Lebensgeschichte in Erkenntnisse zu verwandeln. Übrigens ist die Forderung nach „Aufhören“ bei Buddha ein erster Hinweis auf einen sexuell bedingten Prozess des Erkennens im Leiden, der sich an tantrischem Liebesspiel entzündet haben könnte: Buddha könnte mit einem Male für sich entdeckt haben, sich statt befriedigt vergewaltigt zu fühlen. Doch zurück, nehmen wir mit, dass Buddha eine philosophische Schule gründen wollte, es jedem zu ermöglichen, ein „Erleuchteter“ zu werden.
Mit diesem kleinen Exkurs zu Buddha und dessen Bestreben um eine philosophische Schule haben wir allerdings weitere Begriffe für unsere Eingangsfrage gewonnen, nämlich „Leiden“, „Denkschule“, „den eigenen Ansatz finden“, mit einer empfundenen „Vergewaltigung“ weiterhin „Schlüsselerlebnisse“ und „Erleuchtung“. An dieser Stelle könnte wiederum eingewendet werden, dass „freie Mystik“ dann wohl offenbar nur ein alter Zopf sei, nämlich alter Buddhismus in einem neuen Gewand. Doch das wäre zu oberflächlich, denn schon Buddha etwa hatte einen Zeitgenossen Namens „Mahavira“, den man auch den „letzter Auffinder der Furt“ nannte und der der Religionsstifter des Jainismus wurde. Dieser entwickelte einen, Buddha vergleichbaren Ansatz. Zudem lassen sich ähnliche Denkschulen im Hinduismus ausmachen und mit Laotse und dessen Zeitgenossen / Schülern finden sich solche in der Mystik des alten China. Deshalb spricht man im Westen vordergründig zutreffend von „fernöstlicher Philosophie“ kontra „westlicher Philosophie“.
Nun bliebe das, soeben „Vordergründig“ genannte der Fernöstlichen Philosophie zu erläutern: Die Gedanken, sich aus dem Leben selbst heraus dessen Sinn zu erschließen, sind auch im Westen nicht unbekannt. Als zudem die Philosophie, wie mittelalterliche Denkschriften beweisen, hierzulande noch nicht völlig zu einer Fußnote Platons verkommen war und es auch noch keine Psychologie gab, behalf sich etwa das einfache Volk mit Erzählungen. Um Prozesse anzustoßen oder um die die Seele heilenden Gedanken zu beschleunigen, erzählten versierte Menschen den Adepten Märchen, die sich aus den Traumbildern auflösender Leidensprozesse ergaben. Damit vertraute Autoren/Innen heutiger Tage, wie etwa Clarissa Pinkola Estes, erzählen deshalb Aufgezeichnetes der Gebrüder Grimm neu und erläutern, wie man daraus für sich Erkenntnisse gewinnt. Daneben gab es seit dem Mittelalter weiterhin Dichter und Denker wie etwa Dante, Descartes, Goethe, Hesse, Nietzsche, um nur einige zu nennen, die ihre Erkenntnisprozesse zu nutzen wussten, Philosophie und Literatur zu beflügeln. Mit diesen Überlegungen wird nun aber das Tor aufgestoßen, in der „freien Mystik“ eine Welt- und Zeitenumspannende Denkschule zu erkennen, betrachten wir mystische Fetische – dicke „Fruchtbarkeitsgöttinnen“, deren älteste bereits 35.000 - 40.000 Jahre alt ist.
Doch gehen wir, bevor wir uns diesen „dicken alten Mädels“ nähern, noch einmal auf die fünf aufgefundenen Begriffe für unsere Eingangsfrage ein, nämlich „Leiden“, „Denkschule“, „den eigenen Ansatz finden“, „Schlüsselerlebnisse“ und „Erleuchtung“, denn so in etwa konnten wir das dem kurzen Anschnitt zum Buddhismus entnehmen. In der richtigen Reihenfolge betrachtet, beginnen wir mit „Schlüsselerlebnissen“, die nur dann wirklich einen Sinn ergeben, wenn man damit etwas anfangen kann. Die Überlegung also, dass sich alle Dichter, Denker und Religionsstifter etwas zusammen spinnen, was sich nur aufgrund genetischer Gemeinsamkeiten weltweit und über alle Zeiten hinweg zu einem System fügt, wäre in der Natur durch die Evolution längst beseitigt worden. Schließlich hindert solches, im Leben empfundenes Leid den Menschen doch ganz entschieden daran, einfach nur Spaß zu haben. Also sollen wir wohl nicht einfach nur Spaß haben und ehrlich gesagt, kotzen uns reine Spaß-Menschen auch schnell wegen ihres oberflächlichen Gebahrens an.
Deshalb lässt sich aus den, oft als so ungerecht empfundenen, unterschiedlichen Leben der Menschen ableiten, dass es offenbar mehrere Existenzen geben muss. Da gibt es solche Leben zum Leiden und Erkennen und andere Leben zum Spaß haben. Daraus folgt weiterhin, dass der Mensch offenkundig mehrere Existenzen benötigt und nicht nur einmal lebt. Ohnehin ist diese Ansicht der einmaligen Existenz auf einen Beschluss des vierten ökumenischen Konzils von Konstantinopel im Jahre 553 nach Christus zurückzuführen. Begründung: Christus habe nur einmal gelebt, weil er nur einmal am Kreuz gestorben sei. Dies allerdings ist eine rein körperliche und keine seelische Betrachtung, weshalb für den Sinn des Lebens aus den mehreren Existenzen zu konstatieren ist, dass dessen Sinn in einer Vervollkommnung der Seele bestehen muss. Deshalb auch begreift ein Leidender im Erkenntnisprozess sein Leben immer als in einen Zyklus von Tod und Wiedergeburt eingebettet, aus dem heraus es göttliche Aufnahme zu erhalten gilt.
Um wieder den Bogen zurück zu spannen, sind es also die wichtigen Eckpunkte unseres Daseins, die „Knoten des Lebens“ oder die „Schlüsselerlebnisse“, die uns zur eigenen Erkenntnis befähigen. Daran entzündet sich gegebenenfalls der Prozess des Erkennens, falls nämlich genügend „Input“ vorhanden ist, weshalb „Aufhören“-Schreien leider auch nichts bringt. Und weil nicht nur ein Mensch auf dieser Welt davon betroffen ist, versuchte bereits Buddha einen Maßnahmenkatalog aufzustellen, diese diffuse Gemengelage aus bedrückenden Lebenserlebnissen, Frustration und verwirrten Gedanken in eine Ordnung zu bringen, womit wir erneut den Begriff „Denkschule“ erreicht hätten. Nur dass eben Buddhas Denkschule nur für seine Lebenserfahrungen wirklich taugt und für die vielen anderen zu modifizieren wäre. Soweit im Übrigen soeben von „Göttlicher Aufnahme“ die Rede war und der aufmerksame Leser dem das „Verlöschen der Seele“ und das „Unpersönlich Absolute“ des Buddha entgegensetzen möchte, hat er bereits etwas Wichtiges erkannt, nämlich ein unterschiedliches Wahrnehmen eigener, aus dem Leiden geschöpfter Weisheit.
Unterschiedliche Schlüsselerlebnisse befähigen nämlich zu unterschiedlichen Erkenntnissen. Warum auch sollte Gott etwa einen Mörder oder einen Kinderschänder mit den gleichen Einsichten bedienen, wie eine zur Abtreibung genötigte Frau, ein Vergewaltigungsopfer oder einen Verstümmelten. Schon die gefühlte Logik – das ist logisches Denken in Gefühlen – verbietet hier die Gleichsetzung. Deshalb bedient uns Gott je nach Ausgangslage mit Erkenntnissen unterschiedlicher Tiefe. Nur Opfer dürfen Gott im Leiden im Traum sehen, dies im Übrigen weltweit und zu allen Zeiten immer als Frau, womit wir bei den „dicken Mädels“ wären. Täter empfangen dagegen nur einen Richtspruch oder aber – wie im Falle Buddhas – nehmen sie Gott als etwas unpersönlich Absolutes wahr. Denn, um die Vergewaltigung aufzulösen, musste Buddha erkennen, sich selbst in diese Lage gebracht zu haben. Daher musste Buddha zunächst die selbst geschaffene Situation des Leidens im Leben beenden, bevor er mit der Erkenntnisarbeit beginnen konnte. Damit aber war Buddha nicht nur Opfer, sondern auch Täter, der damit Gott nicht sehen durfte.
Laotse, der bereits kurz angesprochene große Meister der Mystik des alten China, unterschied vergröbert drei verschiedene Meisterschaftsstufen, die sich – am Rande notiert – vergleichbar bei den Schamanen wieder finden lassen. Die erste Stufe ist die des göttlichen Richtspruchs, die zweite die des Opfer-Täters und die dritte die des Opfers. Laotse machte dies allein am Gottesbild fest und unterschied im einundvierzigsten Spruch den niederen Meister, der über die Vorstellung von Gott-Frau lacht, den mittleren Meister, der daran zweifelt und den hohen Meister, der sich daran ausrichtet. Bei den Schamanen, unterschieden übrigens vom mystischen Weg durch den Seelentscheid im Leidensprozess, sind es ebenfalls nur die großen Schamanen, die mit ihrer Seele zur Tiermutter reisen dürfen. (Hesse übrigens erdachte sich im Steppenwolf für die Gefahren des falschen Seelentscheids die Tötung der schönen Frau – der weiblichen Seele – um dafür im magischen Theater verhaftet zu bleiben, anstatt göttliche Aufnahme zu erfahren.)
Mit der Reise zur Tiermutter jedoch findet sich im Schamanentum ein ganz ähnliches mehrstufiges System wie in der Mystik. Beide Richtungen (Mystik und Schamanentum) zählen zudem zur Produzentenebene von Religionen, während Okkultismus, Philosophie und priesterliche Riten (die drei anderen Produktionsprinzipien von Religionen) zur Konsumentenebene zu rechnen sind. Grund für die deutliche Einschränkung von Erkenntnissen der drei nach genannten Produktionsprinzipien ist, dass sich deren Vertreter nicht selbst auf den Weg zu Gott begeben. Deshalb – und auch dies sei noch nachgetragen – wird es den Religionswissenschaften nie gelingen, über die Beschreibung hinaus eine Religion zu analysieren und aufzulösen. Dies ist allein jemandem vorbehalten, der das eine Prinzip der Hinwendung zu Gott (Beten) durch eine qualifiziertere Hinwendung zu Gott (das Wie um Göttliche Aufnahme) zu ersetzen imstande ist.
Fassen wir damit zusammen, sind es „Schlüsselerlebnisse“, die den „eigenen Ansatz“ bilden, im nochmaligen „Leiden“ gewünschte „Erleuchtung“ zu erhalten. Nur dies befähigt im Übrigen zur göttlichen Aufnahme der Seele. Diese „Denkschule“ findet sich abgespeckt oder eben auf sexuelle Schlüsselerlebnisse reduziert schon bei Buddha, was Laotse bereits als mittlere Meisterschaft zu kategorisieren gewusst hätte. Für meine Person nun ist zu konstatieren, dass ich aufgrund der Auflösung von Schlüsselerlebnissen in Zusammenhang mit dem Tod große Meisterschaft erlangte und aufgrund eines Buddha vergleichbaren Erlebnisses auch parallel mittlere Meisterschaft zu erringen imstande war. Weil ich zudem die Abtreibung im Rahmen eines erneuten und freiwilligen Leidens auflöste, die Vergewaltigung mit den Sagen um das versunkene Schloss bearbeitete und mich mit vielen weiteren Prozessen beschäftigte, konnte ich die Meisterschaften genauer als Laotse in fünf Stufen einteilen.
Kommen wir damit noch einmal zurück auf die eingangs gestellte Frage und vergleichen meine Erkenntnisse mit Ihren Möglichkeiten, so wird der Prozess des Erkennens den meisten von Ihnen zur Religion werden und nur wenigen von Ihnen wird es vergönnt sein, die Stufe des Philosophen zu erreichen. Damit aber wird dennoch deutlich, dass Mystik Philosophie ist, auch wenn es für den „normalen Menschen“ nur zur Gewinnung einer eigenen Religion reicht. (Ich hoffe, Ihnen ging das nicht zu schnell! Mir – am Rande notiert – geht es eher zu langsam, wenn ich mir meine theoretisch denkbaren und dagegen die praktischen Möglichkeiten betrachte. Vor dem Hintergrund ablaufender Lebenszeit hadere ich deshalb manchen Tags trotz des für mich Erreichten mit meinem Schicksal. Immerhin mögen Sie daran erkennen, dass sich in Geduld zu üben, eine Lebensaufgabe bleibt.)