Die westliche Philosophie wird gerne als „eine Fußnote Platons“ bezeichnet. Sein Gedankenkonstrukt, wie auch die konkurrierenden Systeme anderer, ihm letztlich dennoch folgender Philosophen, ist im Wesentlichen zumindest hinsichtlich seiner Person eine Abkehr von der Mystik seines geistigen Ziehvaters Parmenides (siehe hierzu: Peter Kingsley in „Die Traumfahrt des Parmenides - Die mystischen Wurzeln der westlichen Zivilisation“). Besonders lesenwert sind Peter Kingsleys Ausführungen, wie sich Platon seines „Übervaters“ entledigte, nämlich mittels Herabwürdigung dessen Ansehens, besonders der unterschwelligen Unterstellung der homosexuellen Unzucht mit seinem Lieblingsschüler sowie letztendlich eines damit bewusst begangenen „Vatermordes“. Kingsley, Historiker, Religionswissenschaftler und Philosoph, resümiert denn auch, dass es die westliche Zivilisation, wie wir sie kennen, ohne diesen „Vatermord des Platon“ nie gegeben hätte.
Dabei stellt diese von Platon vervollständigte „Sokratische Wende“ keineswegs den Übergang von der Primitivität zur Originalität dar (andererseits auch nicht von der Kultiviertheit zur Dekadenz), wie Ulrich Schmitzer in seinem Internet-Beitrag zur „Fußnote Platons“ ausführt, denn schließlich zeigte Parmenides (als ein freier Philosoph und Mystiker) seine Erkenntnisse zur Erlangung persönlicher Weisheit auf (zwar ähnlich wie ein Religionsstifter, doch ohne deren Absolutheitsansprüche). Der nach dem Werk des altgriechischen Philosophen Sokrates als „Sokratische Wende“ bezeichnete Paradigmenwechsel ist deshalb in Wahrheit nichts anderes als das Aufeinanderprallen von Wissenschaftlichkeit und Weisheit, wie es auch schon Johann Wolfgang von Goethe im Faust, 1. Teil, Schüler-Mephistopheles-Szene im Studierzimmer des Faust (zu Philosophie und Metaphysik), ausführt. Statt also weiterhin der Weisheit und den hierzu aufgezeigten (unwissenschaftlichen) Wegen des alten Lehrers zu vertrauen, wird mit Platon mit einem Male die Notwendigkeit des naturwissenschaftlichen Beweises für die Existenz Gottes eingefordert, obwohl sich Gott – jedenfalls mit den bis heute bekannten naturwissenschaftlichen Methoden – nicht nachweisen lässt. Damit stand seit Platon der westlichen Philosophie ein Satz voran, der trotz allem im Folgenden der Sinn- und Gottessuche nie entgegenstand, nämlich: „Ich glaube nicht an Gott.“
Mit dieser Grundannahme sieht sich die westliche Philosophie deshalb im Übrigen denn auch auf der gleichen Ebene und damit in direkter Konkurrenz zu den religiös geistigen Schulen etwa eines Konfuzius, Buddha, Mohammed oder des Apostels Paulus. Denn deren Gedankenkonstrukte fußen auf den Erkenntnissen oder Lehren der jeweiligen Religionsstifter, ohne eigene, frei geschöpfte Weisheit (dennoch natürlich wissenschaftliche Philosophie im heutigen Sinne) zuzulassen. Was Platon vorführte, nämlich den Vatermord, gestehen sich also die den Religionsstiftern Folgenden nicht zu, obwohl sie mit der Annahme „Ich glaube an Gott“ und der freien Hinwendung zu Gott, eigene Weisheit zu schöpfen, imstande wären. Da die Platon Folgenden mit „Ich glaube nicht an Gott“ wiederum niemals den Lebenssinn und die Existenz Gottes für sich (und nur das ist möglich) erfahren können, berauben sie sich damit ihrer eigenen persönlichen Möglichkeiten und stellen sich weiter – unbewusst – auf die gleiche Stufe wie diejenigen, die sich von der Überperson eines Religionsstifters nicht befreien können.
[Ergänzung: Der Lehre des Apostels Paulus, Jesus sei gestorben, um die Schuld der Welt auf sich zu nehmen, kamen die „Sokratische Wende“ wie auch der „Vatermord des Platon“ sehr entgegen. Denn eine Religion, in der es keine Verantwortung des Menschen vor Gott gibt, in der nämlich Menschen an Gottes Stelle Absolution für Sünden erteilen, benötigt ein gewisses Maß an Gottlosigkeit als geistigen Nährboden. Die Kirche stört sich deshalb weniger an den Inhalten der Philosophie als mehr an einer lästigen Konkurrenz, wie zuvor aufgezeigt ist.]
Obige Gedankengänge mögen dem einen oder anderen schwierig erscheinen, nehmen Sie daher nur die Überlegung mit, dass „Ich glaube nicht an Gott“ gleichbedeutend ist mit, „Ich vertraue der Lehre meines Religionsstifters“. In beiden Fällen beraubt man sich der persönlichen Möglichkeiten, eigene Weisheit aus dem Leben für sich zu schöpfen. Zudem zeigen schließlich die Unfähigkeit der Religionen wie das Unvermögen der westlichen Philosophie auf, mittels der Ergebnisse der eigenen Forschung den jeweils konkurrierenden Systemen das Wasser abzugraben, dass es sich um gleichrangige Gedankenkonstrukte handelt. Dass sich die westliche Philosophie auf der gleichen Ebene wie die religiös gefärbten Systeme tummelt, mag Ihnen zudem die eine Frage aufzeigen: Was bitteschön taugt ein Philosoph, der nicht das Wirken der Religionsstifter zu erklären vermag?
[Ergänzung: Da hilft es der westlichen Philosophie wenig, sich die Überlegungen der Psychologie zunutze zu machen, schließlich vermag diese nur die sexuellen Schlüsselerlebnisse und diese auch nur auf der Selbsterkenntnisebene aufzulösen, solche im Zusammenhang mit dem Tod etwa bleiben völlig außen vor. So werden die göttliche Selbsterkenntnisebene (Seelenaufnahme nach dem Tod?), die göttliche Erkenntnisebene (Gott = Frau/Mann/Liebe) oder zu letzterer alternativ mystische Welt- und Menschheitserkenntnis (die menschliche Seele als Teil der großen göttlichen Seele und diese zudem Teil des mystischen Menschen), also wesentliche Elemente religiöser Lehren, überhaupt nicht erfasst.]
Wenn jedoch die moderne, westliche Philosophie gleichsam wie die religiös gefärbten philosophischen Modelle auf nur einer Ebene miteinander konkurrieren, lässt sich die westliche Philosophie in das gleiche Raster einfügen, mit dem sich auch schon die Religionen und deren Entstehung erklären lassen: Damit gibt es nur fünf Möglichkeiten, eine weltanschauliche Lehre zu begründen:
-
Mystik (inneres Erleben),
-
Schamanentum (Kontakt zu „Geistern“ mittels Seelenreisen),
-
Okkultismus (Kontakt zu „Geistern“ ohne Seelenreisen),
-
die philosophische (Fort-) Entwicklung eines Systems (also etwa Religionsstiftern oder der Annahme nachfolgend: „Ich glaube nicht an Gott“) sowie
-
die Ausprägung religiöser Riten.
In diesem System wäre die westliche, Platon folgende Philosophie vergleichbar der Lehre des Konfuzius, jedoch ohne einen Vergleich hinsichtlich der von Konfuzius eingeführten Riten (durch ihn zugleich die Wiedererweckung der chinesischen Amtskirche).
Im Ergebnis sei festgehalten, dass nur die (freie) Mystik um persönliches Fortkommen eines jeden Menschen bemüht ist. Im Gegensatz zu den Religionen wird die persönliche Sinn- und Gottessuche gefördert. Anders als in der westlichen, „kopflastigen“ Philosophie wird zudem der persönlichen Gefühlswelt ein besonderes Augenmerk geschenkt. Erinnert sei hier daran, dass der Mensch etwa 70-80% aller Entscheidungen aus dem Bauch heraus trifft. Denn um sich und seinen Lebensweg zu begreifen, daraus den persönlichen Lebenssinn zu lesen und zu Gott zu finden, muss auch die Gefühlsebene aufgeschlossen werden. Dies vermögen weder eine Religion noch die westliche Philosophie zu leisten, selbst wenn letztere sich die Erkenntnisse der Psychologie zunutze macht. Folglich wird – um der Menschen wie der Menschlichkeit willen – die Rückkehr zu den Wurzeln (auch) der westlichen Zivilisation eingefordert: Geben Sie sich selbst wie dem Planeten noch eine Chance. Treten wir doch gemeinsam das Erbe des Parmenides an.