Mystik und String-Theorie
von Claus-Peter Peters
Vielleicht interessieren Sie sich für Mystik oder für Naturwissenschaften oder sogar für beides. Ihnen sei dann der folgende Auszug aus „Die Reise in die Seele“ gewidmet, den ich hier vorab zur Diskussion stellen möchte:
Ein Problem der Akzeptanz metaphysischer Erkenntnisse in einer wissenschaftsgläubigen Welt ist das Fehlen einer Brücke zwischen den in den Erkenntnisprozessen geschöpften Einsichten in das, was einerseits in den Augen von Mystikern und Schamanen die Welt im Innersten zusammenhält, und andererseits harten, wissenschaftlich nachprüfbaren Fakten. Einen ersten Lösungsansatz hierzu böten gegebenenfalls Überlegungen zur String-Theorie im Vergleich zu „schamanischen Luftseilen“ oder „mystischen Bändern der Liebe“.
Nehmen wir zunächst Erkenntnisse aus dem Bereich des Schamanentums heraus: Schon in den indischen Veden, den mehrere Tausend Jahre alten, religiösen Schriften der Hindus taucht ein geheimnisvoller Faden („Der geheime innere Lenker“) auf: „Ich weiß Gautama, (um) diesen Faden und (um) den geheimen Lenker.“ Und auch die australischen Ureinwohner, die vierzigtausend Jahre keinen Kontakt mit anderen Kulturen hatten, kennen einen solchen Faden. Robert Craan vergleicht in seinem Buch, „Geheimnisvolle Kultur der Traumzeit“ die Vorstellungen der Schamanen der Aborigines sogar mit denen in der frühen europäischen Literatur: So habe niemand anders als Homer beschrieben, wie der olympische Göttervater Zeus ein goldenes Seil vom Himmel herunter haltend, die niederen Götter und Göttinnen verspottete, weil diese versuchten, ihn aus seiner Sphäre zu ziehen. Ein solches magisches „Luftseil“, konstatiert er, würden alle Schamanen kennen. Der Psychoanalytiker C.G. Jung habe sich deshalb sogar veranlasst gesehen, solche Vorstellungen von „magischen Seilen“ dem Bereich des kollektiven Unbewussten zuzuordnen.
In der Mystik schließlich existiert die Vorstellung eines Bandes der Liebe zwischen den beiden Seelenteilen (männlicher und weiblicher Seele). Ein solches findet sich ebenso zwischen den beiden Seelenteilen Gottes sowie darüber hinaus zwischen Gott und den Menschen. Gründe für diese Bänder ist die göttliche Abkunft der Seele, die von Gott zum Zwecke ihrer Vervollkommnung in diese Welt geboren wurde (und die deswegen zu Gott zurückkehren möchte). Deshalb lässt sich auch von der menschlichen Seele auf die große, göttliche, Seele zurückschließen. Auch deshalb existiert in der Mystik die Vorstellung eines zweigeschlechtlichen Gottes, der in Liebe mit den Menschen verbunden ist. Oder mit den Worten ausgedrückt, die Hermes Trismegistos, dem ägyptischen Gott Thot, zugeschrieben werden: „Was hier unten ist, ist auch da oben.“
Besehen wir uns naturwissenschaftliche Theorien zur Welt einmal genauer (trotz meiner unzureichenden Kenntnisse, weil in den 1970er Jahren Naturwissenschaften wegen Lehrermangels häufig nicht erteilt wurden):
Die String Theorie wurde als Antwort auf zwei sich widersprechende Phänomene in der Physik entwickelt. So beschreibt die von Einstein entwickelte Relativitätstheorie im Großen, wie mittels Gravitation, gekrümmten Räumen, Planeten um Sonnen oder aber Monde um Planeten kreisen. Diese Raumkrümmung lässt sich beobachten, sodass kein Grund besteht, an der Wahrheit dieser Theorie zu zweifeln. Im Rahmen der kleinsten Teilchen zeigt sich dagegen ein völlig entgegengesetztes Phänomen, das durch die Quantentheorie beschrieben wird. Die kleinsten Teilchen verhalten sich nämlich keineswegs wie die großen Planeten, sondern völlig chaotisch. Dies kann in sogenannten Massenspektrometern nachgewiesen werden.
Um nun diese Gegensätze zu überbrücken, griffen Wissenschaftler, wie zum Beispiel Stephen Hawking, die String-Theorie auf, nach der als fundamentale Gebilde mikroskopisch nicht mehr wahrnehmbare, kleinste Fäden den Raum bilden, die sich je nach Anregungszuständen unterschiedlich verhalten. Mit dieser Theorie ließen sich erstmals die Widersprüche der vorgenannten Theorien überwinden und es konnte eine einheitliche Vorstellung von der Welt im Kleinsten wie im Großen entwickelt werden. Diese einheitliche, auf mathematischen Berechnungen fußende Theorie allerdings fordert den Preis, dass nun mehr als nur vier Dimensionen (Länge, Breite, Höhe, Zeit) als existent anzunehmen sind, Hawking geht sogar wohl von neun Dimensionen aus.
Im Ergebnis sei festgehalten, dass die String-Theorie von (zumindest bisher) nicht nachgewiesenen, elektrisch geladenen Fäden ausgeht, die als kleinste Bausteine die Welt im Großen wie im Kleinen bewegen. Je nach Anregung dieser Fäden können Körper chaotisch oder ruhig erscheinen. Diese mathematisch, physikalische Vorstellungswelt von dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, wiederum erinnert an die für Außenstehende archaisch anmutende Traumwelt der Mystik sowie an die Erfahrungswelt der Schamanen, geschöpft in deren Seelenreisen, den Séancen.
Mit diesem Spagat nun, über die Jahrtausende hinweg, mit den Ideen und Erfahrungen aus scheinbar völlig unterschiedlichen Bereichen, möchte ich Sie an dieser Stelle herzlich einladen, sich mit Überlegungen, Ideen, Anregungen, eigenen Erklärungsversuchen, wie auch immer einzubringen. Auch hierfür steht Ihnen das Forum zur Verfügung, nicht nur um Fragen zu stellen, nicht nur um Kritik zu üben, sondern gleichfalls mit Ihren Gedanken den hier angestoßenen Prozess fort zu tragen.