Mystik und Literatur
von Claus-Peter Peters
Ein großer Teil der Veröffentlichungen in der heutigen Zeit beschäftigt sich mit einer persönlichen Lebenskrise und der nachfolgenden Sinnsuche. Dennoch ist die Qualität der Bücher häufig mangelhaft, die Wirkung reicht kaum über den kleinen, wohl geneigten, eigenen Freundeskreis hinaus. Der hierzu vorgetragene Hinweis, dass auch große Literaten Ihre Krise meisterten, ist natürlich nicht unzutreffend. Doch erst gemeistert sind solche Krisen die Voraussetzung, tatsächlich auch nachfolgend Literatur daraus zu schöpfen. So etwa zeigt Nietzsche mit seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ die Entwicklung der Seele, durch Schlüsselerlebnisse geprägt, über den Irrweg des Schamanentums hin zur Mystik auf. Vergleichbare Wege zeichneten zudem Dante in „Göttliche Komödie“ wie auch Goethe im „Faust“ in dichterisch vollendeter Form nach. Andere, die zu sich selbst und hernach zu Gott fanden, taten sich wie etwa Laotse im „Taoteking“ als Spruchdichter oder Hafis und Rumi mit mystischer Lyrik hervor.
Doch nicht nur Dichter und Denker prägten die Literatur, unsere Welt wurde ausschließlich durch Menschen bewegt, die ihr Schicksal meisterten und anderen damit zum Vorbild und/oder zum Lehrer wurden. Hierzu gehören nämlich gleichfalls die Religionsstifter, denn der Prozess des Erkennens kann sich nur an persönlicher Lebens- und Leidenserfahrung entzünden. Doch anders als eben jene zeichnet es den Dichter nach überstandener Lebens- und Leidenskrise aus, Weisheit in literarischer Form zu vermitteln, anstatt sich über seine Mitmenschen zu erheben. Dazu Dante: „Ich bin Aneas nicht, ich bin nicht Paulus“ (also weder Gründervater Roms und damit Stammvater eines besonderen Volkes noch Gründervater einer Religion). Diese Selbstbeschränkung haben zu unserem Leidwesen – sonst wäre die Welt nicht derart kriegerisch – einige der Herren Religionsstifter außer Acht gelassen, genauso wenig sie von Ihren Erlebnissen oder ihrem Erkenntnisweg berichten. Diesem Manko abzuhelfen, wird meinerseits mit „Die Reise in die Seele“, der Vorfassung „Göttliche Erkenntnis“ oder den „Grundstrukturen der Religionen“ entgegengetreten. Wegen der von Gott zugelassenen Irrwege der Menschheit jedenfalls erscheint dem mystischen Dichter, aufgrund eigener Weisheit schließlich den Zweifeln enthoben, das Leben nach überstandener Lebens- und Sinnkrise wie es Dante empfand, nur mehr als eine „Göttliche Komödie“.
Noch zur Literatur: Was schließlich „große Literatur“ ausmacht, soll noch einmal mit Dantes Worten bzw. mit der Eigenanalyse seines Hauptwerks aufgezeigt sein: Dante weist im „Gastmahl“ auf die Mehrdeutigkeit seiner „Komödie“ hin, die dem Leser Raum für eigene Gedanken und damit eine Lösung für die eigene Geschichte lässt. Zwar verschweigt der einst seiner Heimatstadt Verbannte verständlicherweise den politischen Sinn seines Werks, doch benennt er neben dem buchstäblichen Sinn, einen allegorischen, einen moralischen und schließlich einen anagogischen, einen Übersinn. Eben jener „Übersinn“ ist dann im Übrigen der Entwicklungsweg der Seele, der jedoch nur von demjenigen in der Tiefe verstanden werden kann, der sich selbst auf die „Reise in die (eigene) Seele“ begeben hat. Insoweit mag an dieser Stelle gleichfalls dazu aufgerufen sein, nicht nur um der Literatur willen, sondern auch zur Erlangung eigener Weisheit (und der damit vollzogenen Entwicklung der Seele zwecks göttlicher Aufnahme über mehrere Leben hinweg), den großen Dichtern und Denkern der Menschheit zu folgen.