Mystik Literaturliste
von Claus-Peter Peters
Als ich damals meinen Leidensprozess begann, fühlte ich mich ganz allein auf dieser Welt und dachte, es gäbe keinen anderen, dem so eine solche Miste widerführe. Doch weit gefehlt, es gab schon immer und gibt noch immer Frauen und Männer, die sich mit ihrer bescheidenen Lebensgeschichte allein auseinandersetzten, ohne gleich einen Psychiater um Tabletten anzubetteln. Denn, wie heißt es so treffend in der Fernsehwerbung: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“
Eine weitere Gefahr nicht unbedingt für den Körper, doch erst recht für die Seele, besteht für denjenigen, der – schwächelnd – bei den Religionen Schutz sucht. Deshalb hier einige Literaturempfehlungen meinerseits, damit Sie nicht Gefahr laufen, sich selbst zu verraten und Ihr Seelenheil aufs Spiel zu setzen. Es handelt sich samt und sonders um Schriftsteller der freien Mystik, also um Autoren, die sich frei hin zu Gott wendeten und keine neue Religion ins Leben riefen. Daher ist denn auch Verlass auf sie – und nicht eben nur auf mich:
Dante – Göttliche Komödie
Buch um den Entwicklungsweg einer Seele über das Schamanentum zur Mystik hin.
Ist für denjenigen, der aktuell in der Klemme sitzt, weniger geeignet, zumal der schamanische Weg vorweg beschrieben ist. Selbstverständlich ist die Lektüre unproblematisch, wenn das Leiden noch kein Thema ist oder es dies bereits war. (Eine ausführliche Analyse wird übrigens die Neuauflage der „Grundstrukturen der Religionen“ – mutmaßlich einleitend – enthalten.)
Descartes – (Gesamtwerk)
Soldat (Krieger wie der Mann vom Diskos von Phaistos), doch offenbar kein Mörder (wie eben jener) und nach einer wüsten Zeit in Paris (von einer solchen wüsten Zeit berichtet auch der Mann auf dem Diskos) schließlich Philosoph (als wenn der Krieger als René Descartes noch einmal auferstanden wäre). Mutmaßlich wird Descartes ein mittlerer Meister zweiten Grades (stabilisiert durch eine Gottesoffenbarung, denn er dankt der Jungfrau Maria durch eine Pilgerfahrt nach Loretto) oder aber ein hoher Meister gewesen sein. Unbedingt lesenswert, jedoch als Lektüre für aktuell Leidende eher ungeeignet.
Dschuang-Dsi – Das wahre Buch vom südlichen Blütenland
Sehr gut, aber wiederum nicht sonderlich zugänglich. Kommentare zum Werk sind häufig irreführend, weil deren Autoren von Mystik meist so viel Ahnung haben, wie eine Kuh vom Eierlegen.
Estes – Die Wolfsfrau
Entweder bezeichnet man ihr Buch als Sekundärliteratur, falls man darauf abhebt, dass sie anhand ausgesuchter Märchen der Gebrüder Grimm mittels Erläuterungen ein Entwicklungsbuch für Frauen vorgelegt hat. (Märchen aus Deutschland natürlich, wo es sich an langen Regentagen und dunklen Winterabenden besonders gut leiden und denken lässt.) Oder man stellt ihre eigene Leistung heraus und bezeichnet das Buch als Frauenphilosophie. Jedenfalls ist „Die Wolfsfrau“ ein Werk, das jede Frau und eigentlich auch jeder Mann einmal gelesen haben sollte.
Goethe – Faust I und II
Buch um den schamanischen Weg (Faust I) und den mystischen Weg (Faust II), ebenfalls klares Bekenntnis zur freien Mystik. Wenn man das weiß, kann man auch mit Goethe arbeiten.
Hafis – Gedichte
Leider heutzutage schwer verständlich. Aber klare mystische Aussagen, weniger etwas für von der Mystik „Unbeleckte“, eher etwas für „Eingeweihte“
Hesse – Der Steppenwolf
Buch zum Selbsterkenntnisweg und zum Seelenentscheid, wenn nämlich die Frage auftaucht, ob man sich der weiblichen Seele entledigen möchte (dann Schamanentum) oder aber die männliche Seele aufgibt (dann Mystik). Es warnt mit der Konsequenz des Verbleibs in einem „Magischen Theater“ denjenigen, der die schöne Frau (weibliche Seele) in sich tötet. Klares Bekenntnis zur Mystik, deutliche Warnung, den schamanischen Weg zu beschreiten. Als Hilfestellung: Sehr geeignet.
Jaspers – Einführung in die Philosophie
Schon wegen der Hinweise auf weiterführende Literatur, daneben mystische und allgemein philosophische Strömungen beschreibend, ein lesenswertes Buch.
Kingsley – Die Traumfahrt des Parmenides
Nimmt Kollegen Platon auseinander und weist nach, wie dieser um der eigenen Reputation willen, gnadenlos den mystischen Lehrmeister und geistigen Vater, eben jenen Parmenides, diskreditiert hat. Dessen Traktat wird im Übrigen einmal in der Neuauflage der „Grundstrukturen der Religionen“ analysiert vorgelegt.
Laotse – Taoteking
Mystische Spruchdichtung und mystische Philosophie vom Feinsten, für den Anfänger etwas zu abgehoben, aber mit den Ausführungen des Verfassers hier bestens zu verstehen. Prädikat: Seit 2600 Jahren besonders wertvoll.
Liä-Dsi – Das wahre Buch vom quellenden Urgrund
Zwar oft leichter verständlich als Dschuang-Dsi, kostet dennoch interpretatorische Kraft, welche einem von der Mystik „Unbeleckten“ häufig (noch) nicht zur Verfügung steht. Allerdings klasse geschrieben, insoweit: Empfehlenswert.
Miller – Die Gabe des Schmerzes
Erstling des Autors. Nettes Werk, hilft dem Leser weinig. Dennoch gute Mystik.
Nietzsche – Also sprach Zarathustra
Der Bursche tanzt auf seinen eigenen, beerdigten Erkenntniswegen und ebenfalls auf christlichen Vorstellungen herum – Genial. Nietzsche ist gleichzeitig Literat und Philosoph, das heißt, Phantasie und tiefste Überlegungen laufen parallel oder sind sogar miteinander verwoben. Unbedarfte Leser lassen sich allerdings schnell auf eine falsche Fährte locken. Ist deshalb ohne Kommentar häufig kaum zu verstehen. Allerdings gibt es auch noch keinen guten Kommentar. (Habe ich mir deshalb zur Aufgabe gesetzt, zumal auch ich noch eine Menge von ihm lernen kann.)
Peters – Die Reise in die Seele
Meine Empfehlung, für alle diejenigen, die aktuell in der Predullie stecken. Dürfte das klarste Buch sein, wenn es um Innenansichten aus dem Leidensprozess geht. Damit geht keiner verloren. Deshalb: Unbedingt lesenswert.
Rumi – Gedichte
Neben Hafis der zweite Lyriker, der dem Islam (?) zugerechnet wird. Lesenswert. Verlässlich. Manchmal vielleicht etwas zu unreflektiert allgemeines Gedankengut mystischen Ursprungs aufnehmend.
Weitere Autoren werden folgen, sobald ich diese auf Unverfänglichkeit abgeklopft habe. Einstweilen bitte ich, mit der vorerwähnten Dame sowie den oben aufgeführten Herren Vorlieb zu nehmen. Allerdings darf ich Ihnen versichern, dass die Liste so ganz lang nicht werden wird. Einige Kandidaten habe ich aber noch im Auge.
Nicht empfehlenswert, auch wenn Sie diesbezüglich ein ganz tolles Familienerbstück besitzen – sind sämtliche religiösen Schriften, von Literatur wollen wir in diesem Zusammenhang einmal nicht sprechen. Die Sekundär- und Tertiärliteratur zu den religiösen Themen braucht im Grunde auch niemand. Wer sich daher bis heute mit dem Kauf solcher geistigen Prachtstücke zurückgehalten hat, ist mit den oben empfohlenen 20cm Buchrücken allerbestens ausgestattet (natürlich nur, was das Seelenheil – ist ja eine Mystik-Literaturliste – als solches anbelangt). Dabei gibt es das Buch des Verfassers dieser Liste sogar nur elektrisch, es nimmt also gar keinen Platz im Regal weg für Vasen, Modelle, Figuren, Uhren, Nippes, Tinnef, Tand oder auch Bierkrüge.