Die neue Lesart der Religionen
von Claus-Peter Peters
Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, dass es viele unterschiedliche Anschauungen in Glaubensdingen gibt. Da streitet man zum Beispiel, ob Gott ein Mann sei oder eine Frau, ob Gott vielleicht eine Dreieinigkeit sei aus Vater, Sohn und Heiligem Geist oder eine Trinität aus Hebe, Hera und Hekate. Man disputiert, ob ein Gott namens Allah einen Bart habe oder nur sein Prophet, ob dessen Bart lang oder kurz sei, ob ein anderer Gott Jahwe heiße oder aber Jehova und so weiter. Verknüpft werden damit selbstverständlich aller höchst unterschiedliche Inhalte und nachfolgend Lebenseinstellungen. Und weil Religionen und religiöse Lehren ziemlich alt sind, konnte jede nachwachsende Generation etwas hinzufügen, verändern oder weglassen. Viele der Religionen sind deshalb schon längst wieder untergegangen, weil nämlich schon damals keiner mehr den Quatsch glauben mochte, der ihnen einstens von den Priestern erzählt wurde.
Priester heißen die Männer und auch Frauen, die den Glauben predigen und für Riten zuständig sind. Bekannte Riten im Christentum, dies ist eine der Religionen, ist das Brechen und Verzehren eines Brotes, das aber das Fleisch eines gewissen Jesus sein soll. Danach trinkt man das Blut dieses Mannes, das heißt, eigentlich sei es Wein, der aber irgendwie umgewandelt wird. Im Islam, das ist eine andere Religion, hießen Priester Imame und legen den Inhalt einer Schrift namens Koran aus, die Gott einem Propheten namens Mohammed in arabischer Sprache offenbart haben soll. Woanders studieren Mönche und Nonnen, Leute die sich ähnlich den Priestern ihrer Glaubensgemeinschaft auf Zeit oder für ihr ganzes Leben verschrieben haben, so genannte „Heilige Schriften“. Sie verfolgen damit das Ziel, in die Gedankenwelt der jeweiligen Religionslehre einzutauchen und sich auf diese Weise dem Göttlichen zu nähern.
Vier der Religionen jedenfalls, Christentum, Buddhismus (mit Taoismus), Hinduismus und Islam, stellen weltweit fast neun Zehntel derjenigen, die sich mit Glaubensdingen beschäftigten, also etwa mit der Frage ob es Gott gibt, wie Gott aussieht und was der Sinn des Lebens sei. Zwei der Religionen, Christentum und Islam, haben zudem ihren Ursprung in einer noch älteren Glaubenslehre, dem Judentum, sowie Wurzeln im bereits untergegangenen Manlchäismus. Buddhismus und Jainismus stammen nicht nur aus dem Bereich des älteren Hinduismus, sondern sie enthalten wie fast alle der hier genannten Glaubenslehren noch Elemente des Naturglaubens (Heilige, Nothelfer, Geistwesen, Bodhisattvas usw.).
Damit sind wir auch schon bei den ältesten religiösen Vorstellungen der Menschheit angelangt, auf die ein kurzer Blick geworfen sei: Als nämlich der Mensch zu denken lernte, nahm er in der gesamten Natur enthaltene magische Kräfte wahr, zu denen er Zugang suchte, um sich und sein Dasein begreifen zu können. Dass wir diese Kräfte heutzutage nicht mehr verspüren, liegt daran, dass wir uns inzwischen von der Natur entfernt und mit Technik umgeben haben. In der Frühzeit jedoch verehrte man Naturerscheinungen wie Bäume, Donner, Blitz, Meer, Sonne, Mond und so weiter. Man vermutete schließlich hinter allen diesen Erscheinungen in der Natur Wesen, Götter, die es gut oder schlecht mit den Menschen meinen. Mit der Entdeckung, dass (Zwischen-) Menschliches in der Natur keine Entsprechung hatte, entwickelte sich dann allmählich die Idee, dass es nur eine Person sein könnte, die hinter allem steckt und die alle Erscheinungen in der Natur hervorgebracht haben könnte. Man fand Wege, anhand der Lebenserlebnisse und den Gedanken hierzu tiefer in die Geheimnisse des Lebens einzudringen. Einige Frauen und Männer gelangten dabei zu Einsichten, die entweder aus Träumen (Mystik) oder aber aus Reisen mit der so genannten Freiseele (Schamanentum) geschöpft werden konnten und die überdies wiederholbar waren. Es zeigten sich weiterhin Übereinstimmungen in den religiösen Erlebnissen ganz unterschiedlicher Menschen, sodass sich an deren Einsichten und Ideen neue Glaubenslehren entwickeln konnten.
Einigen Menschen gelang es sogar, soweit zu überzeugen, dass alleine aus ihren Überlegungen heraus neue Religionen erwuchsen. Andere arbeiteten nebeneinander, wie vermutlich im ältesten Tempel der Menschheit, in Göbekli Tepe, oder miteinander, wie im alten Ägypten. Im Grunde hatte es auf der Erde schon alle möglichen Formen religiöser Lehren gegeben, ohne dass eine von Ihnen den wahren Inhalt allein hätte aufzeigen können.
Tatsächlich jedoch enthalten alle Glaubensrichtungen etwas Wahres, weil sie von Menschen ersonnen wurden, die sich höchst selbst auf den Weg zu Gott begaben. So ist wesentlicher Inhalt des Christentums, „sein Kreuz auf sich zu nehmen“. Dies bedeutet, die eigene Person als einzigartig in einem einmaligen Körper zu begreifen. In diesem Körper hat man seine Existenz zu akzeptieren und sich darin zu entwickeln. Weiter kennen der Islam wie das Judentum ein göttliches Belohnungs- und Bestrafungssystem, innerhalb dessen der Mensch sein Wohl und Wehe selbst ein gutes Stück weit in der Hand hält. Und der Buddhismus schließlich fordert von seinen Anhängern an einem Punkt innezuhalten und in sich einzukehren, um damit Erlösung seiner Seele aus dem Geburtenkreislauf zu erfahren.
Damit sind in diesen vier Religionen zusammengenommen bereits alle Erkenntnisse vorhanden, die das Leben ausmachen: Der Mensch hat in einem einzigartigen körperlichen Leben sein Kreuz auf sich zu nehmen, beizeiten innezuhalten und sich um Erlösung seiner Seele aus dem Geburtenkreislauf zu bemühen. Des Weiteren existiert ein göttliches Belohnungs- und Bestrafungssystem, innerhalb dessen entweder die Erlösung (der Seele) zu erfahren ist oder aber diese auf ein späteres Leben verschoben wird.
Dass im Übrigen diese Gesamtbetrachtung trotz der Existenz der Glaubenslehren nie verloren ging, ist ganz wesentlich Dichtern wie Denkern zu verdanken, neben anderen Frauen und Männern insbesondere den Herren Laotse, Hafis und Rumi sowie den Herren Goethe, Hesse und Nietzsche. Ich erwähne diese Namen, weil auf diese Menschen Verlass ist und weil sie ihren Weg für sich alleine beschritten und hierüber geschrieben haben. Keiner von ihnen hat zudem eine Religion ins Leben gerufen, weil sich jeder von ihnen sicher war, dass eine Glaubensgemeinschaft niemals der richtige Weg sein kann. So formulierte schon der gelehrte und weise Goethe: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.“
Daher sei jedes Leben mit Bedacht gelebt, sei um genügend Bildung gerungen und sei der Person hinter allem das Vertrauen entgegengebracht. Um noch einmal Christentum, Buddhismus und Islam zu bemühen, für uns ein Bild dieser Person zu zeichnen, erkennen wir darin auch schon alle Teilaspekte des Göttlichen, nämlich Gottmutter, das unpersönlich Absolute sowie Gottvater. Einzig unter den großen Religionen sah schon immer der Hinduismus in Gott das alles Verbindende und erkannte darin alle Aspekte des Göttlichen, nämlich: Brahma (bzw. die Urmutter Shakti) sowie Shiva und Vishnu oder die Dreieinigkeit als Schöpfer/in, Bewahrer und Zerstörer. Seit Laotse bezeichnet die Mystik diese Dreieinigkeit religiös unverfänglich als Frau, Mann und Liebe, allerdings mit Schwerpunkt auf der gebärenden Schöpferin, der Führerin des Alls. Angefügt sei, dass der Hinduismus trotz dieser tiefen Einsichten in das dem Menschen zugängliche Geheimnis des Göttlichen sein Ursprungsland nie verlassen konnte. Dies liegt, und hier erinnert es an das deutsche Hochschulwesen, an einem Stillstand von Forschung und Lehre, einem befremdlich anmutenden Kastenwesen sowie einer unkritischen Überhöhung des Indischen.