„Da sage doch niemand, dass es ein armer Schneider nicht weit bringen und nicht zu hohen Ehren gelangen könne. Es ist gar nichts weiter nötig, als dass er in die rechte Schmiede kommt. Hauptsache ist dann weiter, dass es ihm glückt.“ Mit diesen Worten beginnt der Erzähler des Märchens vom gläsernen Sarg seinen Lebensbericht, mit dem er seine Zuhörer ermuntert, es ihm nachzutun. Wie es der Leser zuvor in der Erzählung „Das Junggeglühte Männlein“ erfährt, werden in einer solchen „Schmiede“ die Beschwernisse des Lebens „behandelt“ und zwar von Gott selbst, während Petrus ordentlich den Blasebalg bedient, damit „das Feuer der Esse“ auch hoch genug auflodert. Mithin stellen insbesondere mystisch geprägte Märchen Berichte über die fruchtbare Essenz eigenen Strebens dar, die von den Erzählern mit viel Phantasie und oftmals genauso viel Humor weitergegeben wurden. Sagen behandeln dagegen häufig die äußere Sicht auf ein inneres Geschehen, wie dies insbesondere der Sagenkreis um ein versunkenes Schloss offenlegt. Deshalb wird der zweite Themenkreis hernach zu erörtern sein.
Um den Leser mit dem Themenkreis der Auflösung von Schlüsselerlebnissen und den Strukturen besser vertraut zu machen, wird hier eine vergleichbare Ordnung wie in „Die Reise in die Seele“ zugrunde gelegt. Unterschieden wird deshalb in schamanische und in mystische Erzählungen und es werden innerhalb beider Themenkreise verschiedene Stufen der Meisterschaft vorgestellt. Insbesondere im mystischen Teil wird die Analyse dann bis auf die zugrunde liegenden Schlüsselerlebnisse und die Auflösungswege betrieben. Am Rande notiert, benötigen Schamanen solche Erlebnisse nur als „Ausgangspunkt“, um hernach mit der Seele zu reisen, sodass es kein zur Mystik vergleichbares inneres Geschehen „aufzulösen“ gibt.
Überrascht hat mich im Übrigen das „deutsche Volksvermögen“. Mit einer derartigen Fülle an Märchen zu fast jedem Schlüsselerlebnis hatte ich vor Beginn der Arbeiten nicht gerechnet. Da ich zudem noch lange nicht alle Erzählungen sichten konnte, werden sich wohl noch diverse Schmuckstücke entdecken lassen.
An dieser Stelle soll einmal die Pionierarbeit von Clarissa Pinkola Estes gewürdigt werden, die in „Die Wolfsfrau“ ihren Leserinnen Anleitungen zur Entwicklung der Persönlichkeit mithilfe von Märchen der Gebrüder Grimm bietet. Die von den beiden Brüdern aufgezeichneten Erzählungen waren im Übrigen auch eine meiner beiden Quellen. Nicht nachvollziehen konnte ich dagegen bei meiner Analyse die Behauptung der vorgenannten Autorin, dass die Gebrüder Grimm tatsächlich viel von den Originalaussagen verfälschten oder mit ihrer Überlieferung eine jüdisch-christliche Grundhaltung festgeschrieben hätten. Dafür scheint mir die Mystik in vielen Erzählungen zu deutlich durch. Zudem ist der christliche Hintergrund erkennbar nur vorgesetzt. Wohl jedoch könnten die Gebrüder einen Bogen um schamanische Märchen geschlagen haben. Nicht so Johann Willhelm Wolf, der 1845 einen Band „Deutsche Märchen und Sagen“ herausgab, mit dem diese Lücke geschlossen werden konnte. Das Buch wurde unter dem Titel „Verscholene Märchen“ vor einigen Jahren neu aufgelegt. Ihm sind auch die beiden Erzählungen zur Rätselmeisterschaft (Auflösung der Abtreibung als Mann, gegebenenfalls im Wege des mitleidenden Martyriums) entnommen. Nach meinem Dafürhalten lassen sich zudem die weiteren Kritikpunkte der amerikanischen Autorin, vorgetragen in der Einführung zu ihrer Sammlung von Märchen der Gebrüder Grimm, so nicht halten. Es darf natürlich bezweifelt werden, ob noch jedes Märchen die ursprüngliche Intention des geistigen Urhebers und ersten Erzählers erkennen lässt. Dafür sind manche Erzählungen bereits zu häufig weitergegeben worden. Allerdings zeigt gerade die Sage vom versunkenen Schloss in der hier dargebrachten Analyse auf, dass manches Mal nur der Zungenschlag ein wenig zu verändern ist, um den ursprünglichen Inhalt und die Kernaussagen offen zu legen. Ob also die Berichte inzwischen bis zur Unkenntlichkeit verfälscht wurden, lässt sich zumindest hinsichtlich der hier vorgestellten Überlieferungen ausschließen. Dass dagegen obszönes Material, die Schmähung von Würdenträgern, Bürgermeistern, Fürsten usw. komplett entfernt worden sei, um eine gesellschaftsfähige Ausgabe zu erhalten, mag dagegen durchaus berechtigte Kritik der Psychoanalytikerin und Anhängerin C.G. Jungs sein. Ob der Welt allerdings damit viel verloren gegangen ist oder aber die Überlieferungen zeitloser wurden und hierdurch gewonnen haben, kann dann wiederum kontrovers erörtert werden. Der Disput mag deshalb hier dahinstehen.