Aktuell

Neu erschienen:

Geschichte im Fokus 2011

Geschichte im Fokus

Seelenentwicklung mit Märchen und Sagen

Neuerscheinung 2011
Paperback Softcover, 433 Seiten, 40 Grafiken, 15 davon in Farbe

Leseprobe: Geschichte im Fokus
Lesen Sie einen Auszug aus meinem neuen Buch.

Bestellen Sie bei 1buch.com

Grundstrukturen der Religionen

Zwischen Mystik und Schamanentum

Neuerscheinung 2011
Paperback Softcover, 433 Seiten, 9 farbige und 5 s/w-Grafiken

Leseprobe: Grundstrukturen der Religionen
Lesen Sie einen Auszug aus meinem neuen Buch.

Bestellen Sie bei 1buch.com

Die Reise in die Seele

Seelische Selbstheilung und Seelenentwicklung

Überarbeitete und erweiterte Ausgabe als eBook und Paperback erhältlich.

433 Seiten und 20 Abbildungen.

Leseprobe: Die Reise in die Seele

Lesen Sie auch den Back Cover Text

Bestellen Sie bei 1buch.com oder lulu.com

Informationen bieten Ihnen zudem die Texte:
"Reise..." und Ziele sowie Kraft und Stärke

Wissenswertes bietet zudem: Das fiktive Interview zur Reise in die Seele
oder Die Presse- und Leserinformation zu Die Reise in die Seele

Leserbrief im epoc Magazin des Spektrum Verlages

Lesen Sie meinen am 8.8.2011 im epoc Magazin des Spectrum Verlages veröffentlichten Leserbrief .
Unter dem Titel "Wahrheit und Fiktion" entwerfe ich dort in aller zu Gebote stehenden Kürze einen gangbaren Weg an den Islam und den Koran quellenkritisch heranzutreten. Hier geht es zum Text: www.spektrumverlag.de/artikel/1118333

Neue Texte:

Freie Mystik/ Religionen
Nur die Freie Mystik schafft Ordnung, sowie zur Berufung.

Mystik, Philosophie / Religion?
Die wohl größte Hürde in der Akzeptanz der „freien Mystik“ resultiert aus der Angst...

Brief an die Pharisäer
Beziehungen zwischen Erlebnissen, Erkenntnissen, Kulturschaffen, Religionen und Gottesbildern.

Mystik und Darwinismus
Warum der Darwinismus gar nicht Gottlos ist.

Totalausbrennung kontra Burnout
Warum der Burnout nichts mit Seelenbrand gemein hat.

Mystik, Geschichte und Poiltik
Zu Geschichte und Politik sowie Hilfestellung durch die Mystik.

Mystik und Neurowissenschaften
Welche Wissenschaft führt, Hirnforschung oder Philosophie?

Kleine Lebens-/Werteberatung
Einige Empfehlungen aus mystischer Sicht, das Leben anzugehen.

Der Diskos von Phaistos
Mystischer Lösungsansatz für eines der ältesten Rätsel der Menschheitsgeschichte.

Der Eid des Hippokrates
Ist der Text noch zeitgemäß? Der Versuch einer Neudefinition.

Mystik und Literatur
Wie Mystik Literatur und Lehren befruchtete.

Mystik Literaturliste
Literaturempfehlungen zur freien Mystik

Mystik und westliche Philosophie
Der "Vatermord" des Platon und die "Sokratische Wende".

Mystik und String
Gib es eine Verbindung zwischen Mystik und Naturwissenschaften?

Der Diskos von Phaistos

Mystik pur: Der Diskos von Phaistos

von Claus-Peter Peters

Vorbemerkung: Der Diskos von Phaistos, auch Diskos von Festos genannt, ist eine Scheibe aus gebranntem Ton. Sie misst 16 cm im Durchmesser und wurde am 3. Juli 1908 in der minoischen Palastanlage von Phaistos auf Kreta gefunden. Die aus der Bronzezeit stammende, etwa 3500 Jahre alte Scheibe wird heute im Archäologischen Museum von Heraklion ausgestellt. Beide Seiten des flachen und runden Diskos’ sind mit bislang nicht als entziffert geltenden Zeichen versehen. Jeweils mehrere dieser Zeichen finden sich gemeinsam einem Feld in einer aus der Mitte heraus linksdrehenden Spirale. Lediglich die äußeren Felder jeder Seite sind über ein „Wendefeld“ im Uhrzeigersinn angeordnet. Die Spirale selbst wirkt etwas plump angelegt, während die Stempel, mit denen die Zeichen in den Ton gedruckt wurden, eine sehr hohe handwerkliche Qualität aufweisen. Da die Felder offenbar aus der Mitte heraus mit Zeichen versehen wurden, vermutet man allgemein, dass der Inhalt folglich aus der Mitte heraus zu lesen sei.

Diskos von Phaistos A-Seite Diskos von Phaistos B-Seite
Diskos von Phaistos A-Seite
Zum Vergrößern in die Abbildungen klicken
Diskos von Phaistos B-Seite

Über die Bedeutung der Zeichen, die Gesamtbedeutung des möglichen Inhalts sowie über Wert und Nutzen der Scheibe wurde viel spekuliert. Einige Lösungsansätze wurden bekannt, die allerdings eher von einer blühenden Phantasie der Verfasser zeugen, denn tatsächlich überzeugen konnten. Von einigem Gewicht ist allenfalls eine Interpretation der Zeichen als Darstellung eines minoischen Kalenders.  

Um nun einer möglichen, bislang verborgenen Botschaft näher auf die Spur zu kommen, fand Anfang Juli 2008 aus Anlass des Fundes des Diskos vor 100 Jahren eine gesellige Enträtselungsrunde in Langenfeld statt. Grundannahme des hier schreibenden Veranstalters war, dass man dem Inhalt der Scheibe nur mit gesundem, unverbildetem Menschenverstand beikommen kann. Nichtsdestotrotz waren die Teilnehmer natürlich aufgrund besonderer Fertig- und Fähigkeiten „Hand verlesen“. Die weitere Annahme war, dass der „Drucker“ mit den ersten bekannten, beweglichen Lettern der Welt in seinem Werk Lebenserfahrungen zu Ton gebracht haben könnte.

Tatsächlich gelang an diesem Abend eine recht brauchbare Lösung zur A-Seite, lediglich der äußere Ring bereitete einige Probleme. Dagegen konnte sich die Runde für die B-Seite auf keine Deutung festlegen, man vermutete jedoch, der Verfasser könnte seinen Weg zu einem guten Ende gebracht haben. Allererste Überlegungen jedenfalls, der Diskos sei eventuell ein bronzezeitliches Brettspiel, nutzloses Kinderspielzeug mit willkürlichen Zeichen oder gar ein minoischer Bierdeckel, wurden im Zuge der Beschäftigung mit dem Gegenstand rasch und restlos verworfen.

In der auf den Abend folgenden Woche hat der Verfasser dieser Zeilen die Lösungsansätze nun noch einmal aus eigenem Erleben heraus beleuchtet und in eine große mystische Deutung einzubringen versucht, wohl wissend, dass persönliche Lebenserfahrung niemals wirklich nachempfunden und nachgezeichnet werden kann. Allerdings ließen sich Überlegungen allgemeiner Art herausarbeiten, die vielleicht vom Urheber der Scheibe als Vermächtnis angedacht gewesen sein könnten. Doch genug der Vorrede, zur Seite A:

Feld 1: Rosette oder Blume, Kopf ohne Haare, Pfeil ohne Spitze
Wurde gleich gedeutet als: „Geburt des Kriegers“

Feld 2: Gehender Junge, gewendelter Stab
Gleich gedeutet als: „Entwicklung des Jungen“

Feld 3: Weberkamm, Feldfrucht, Oliven oder Lorbeerlaub, zwei Tierfelle oder zwei Seelenkörper, Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite
Gedeutet als: „ Bäuerliche Herkunft, erster Einsatz als Krieger“

Feld 4: Rosette oder Blume, Kopf ohne Haare, Pfeil ohne Spitze
Gedeutet als: „Neubeginn als Kriegerlehrling“

Feld 5: Oliven- oder Lorbeerlaub (mit Ausfluss), nackte Astgabel, vielleicht Flitsche und Hammer
Gedeutet als: „Schwere Anfangszeit in der Ausbildung zum Krieger, kein Rückweg“

Feld 6: Gehender Junge, gewendelter Stab, Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite
Gedeutet als: „Dann gute Entwicklung zum Krieger“

Feld 7: Sichtbarer Schildaußenseite (ohne Krieger), Schlange, fliegender Vogel (Falke ?) mit Beute
Gedeutet als: „Drohende Gefahr, vielleicht vorgewarnt – wenn der Vogel etwas fallen lässt, im Sinne von Vorwarnung“

Feld 8: Flitsche, zur Seite gedrehter Schild, rechter Winkel, Frau
Gedeutet als: „Kriegskunst unnütz, der rechte Mann geht ohne Schild zur Frau“

Feld 9: Seelenkörper (Tierfell wohl nicht), rechter Winkel, sitzender Vogel, Scheuklappen, Seelenkörper, Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite
Gedeutet als: „Zwei Seelen, die sesshafte Seite wie die Kriegerseite ringen um den weiteren Weg; denkbar auch Verletzung durch eine Hexe, deshalb wieder Krieger“

Feld10: Schlange, fliegender Falke mit Beute, Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite
Gedeutet als: „Lässt sich verführen, wieder als Krieger zu ziehen“

Feld11: Gehender Junge mit Geschlechtsteil und Ausfluss, Pferdefuß, Vulva oder Penis
Gedeutet als: „Hat sich richtig das Horn abgestoßen“

Feld12: Rechter Winkel, Hammer, Pfeil ohne Spitze, Schiff, Seelenkörper, Krieger ohne Schild
Gedeutet als: „Rückkehr zum rechten Weg, kehrt dem Kriegshandwerk den Rücken, fährt vielleicht als Händler zur See – erneute Belastung der Seele?“

Feld13: Schlange, fliegender Falke mit Beute, Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite
Gedeutet als: „Lässt sich erneut aufs Krieghandwerk ein“

Feld 14: Hammer, Fisch
Gedeutet als: „Fischer, Fischhändler, Auktionator“

Feld 15: Weberkamm, Feldfrucht, Oliven- oder Lorbeerlaub, zwei Seelenkörper – einer verwischt, Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite 
Gedeutet als: „Erneute Sesshaftigkeit als Bauer, angesiedelt vielleicht zur Sicherung einer Landesgrenze“

Feld16: Schlange, fliegender Falke mit Beute, Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite
Gedeutet: „Erneutes Leben als Krieger“

Feld17: Gehender Junge mit Geschlechtsteil und Ausfluss, Pferdefuß oder Vulva oder Penis
Gedeutet als: „Hat sich erneut richtig das Horn abgestoßen“

Feld 18: Rechter Winkel, Hammer, Pfeil ohne Spitze, Schiff, Seelenkörper, Krieger ohne Schild
Gedeutet als: „Rückkehr auf den rechten Weg, kehrt erneut dem Kriegshandwerk den Rücken, fährt vielleicht erneut als Händler zur See

Feld19: Bogen ohne Pfeil, vielleicht auch Schale mit Obst, Spulwindel
Wegen des Durchgangs auf den äußeren Kreis von Feldern bedeutet es:
„Wende, Abkehr vom bisherigen Leben, welches sich nur noch wiederholte, die Spulwindel als Sinnbild, jetzt das Leben zur Lösung der Sinnfrage abspulend“

Feld20: (rückwärts zu lesen) Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite, Knospenzweig, Läufer, rechter Winkel mit Ausfluss
Bedeutung: „Rückbetrachtung des Kriegers, Lebensfilm

Feld21:Gefängnis, Kopf stehender Beutel, Schild ohne Krieger
Bedeutung: „Gefangen in seinen Lebenserinnerungen, abgeschirmt“

Feld 22: Löwenkopf weiblich, Fluss, Geschlossenes Dreieck mit Ausfluss
Bedeutung: „Erste Mühen der (bewachten) Arbeit werden sichtbar“

Feld23: Zwei weibliche Löwenköpfe, Blüte
Bedeutung: „Unter Obhut und Aufsicht werden erste schöne Erfolge sichtbar“

Feld24: Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite, gefesselter Mann, Kopf stehender Beutel mit Ausfluss, Fisch
Bedeutung: „Kriegserlebnisse werden gewahr bis zum Fischerleben“

Feld25: Seelenkörper, Fluss (Styx), Ausfluss aus Dreieck in den Styx, sichtbare Schildaußenseite
Bedeutung: „Seelenreise zum Styx, weitere Erleichterung von belastenden Erlebnissen, doch Abwehrschild erkennbar“

Feld26: Seelenkörper, Fünfeck, Faust
Bedeutung: „Abwehr gegen die Einsichten und Erkenntnisse aus dem Prozess“

Feld27: Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite, Frau, rechter Winkel, laufender Vogel
Bedeutung: „Krieger wehrt sich gegen Göttliche Erkenntnis, möchte gebaut sein wie er war und schleicht sich von dannen“

Feld28: Fliegender Falke mit Beute, Schlange, Oliven- oder Lorbeerlaub
Bedeutung: „Versuch, ihn zur Rückkehr zu überzeugen“

Feld29: Krieger mit sichtbarer Schildaußenseite, zwei Knochen beieinander, Flitsche, Oliven- oder Lorbeerlaub
Bedeutung: „Rückkehr zum Krieger, packt zusammen, sieht die Zukunft im alten Trott“

Feld30: Gehendes Kind, zwei Knochen beieinander, Beutel auf den Kopf stehend ohne Ausfluss, geschlossenes Dreieck
Bedeutung: „Vom Kindsein nicht entfernt, Erlebnisse noch alle beieinander, Beutel ist noch voll und ohne Entlastung, Dreieck bleibt geschlossen“

Feld31: Krieger mit Schild, sitzender Vogel, Hammer, Rosette oder Blume
Bedeutung: „Für unseren sitzenden Krieger kommt die Erkenntnis wie ein Hammer, es gibt keine göttliche Aufnahme, sondern eine Wiedergeburt.“

Interpretation: Hinter der Geschichte der A-Seite steckt der misslungene Versuch der Auflösung einer immer wieder in den gleichen Bahnen verlaufenden Lebensgeschichte. Offenkundig hat der Verfasser die sich wiederholende Geschichte zum Anlass genommen, innere Einkehr zu halten (und ist gleich irgendwie mit dem Göttlichen in Berührung gekommen).

Übrigens zeigt womöglich bereits Feld drei eine erste negative Lebenserfahrung auf, denn hier sind mutmaßlich zwei Seelenkörper, vielleicht sogar auf dem Kopf stehend, abgebildet. Es dürfte sich hierbei nicht um Tierfelle handeln, da die Geschichte dann ohne einen tieferen Sinn bliebe. Stattdessen darf vermutet werden, dass ein frühes Schlüsselerlebnis, etwa eine Prügelorgie deren Opfer der Junge wurde, vorgelegen und zur Aufspaltung in die männliche (Vitalseele) und die weibliche Seele (Freiseele) geführt haben könnte. Wenig später begegnet unser „Berichterstatter“ schutzlos (Feld 8/offener Schild) einer Frau und wird erneut „seelisch verwundet“. Seine erste Antwort darauf ist eine Trotzreaktion, sie besteht in dem Ausleben seiner Triebe. Anschließend kehrt für ihn zwar noch einmal Normalität ein, doch nicht lange. In Feld 15 verdient die weitere Darstellung zweier Seelenkörper in einem Feld, dieses Mal nicht auf dem Kopf stehend, besonderes Augenmerk: Eine der beiden Seelekörper ist verwischt, was „abhebend“ bedeuten könnte. In diesem Falle könnte der Verfasser des tönernen Berichts, sich beider Seelen in seiner Brust bewusst werdend, spontan schamanisiert haben.

Zu den Schlüsselerlebnissen ließe sich somit festhalten, dass es womöglich ein Prügelerlebnis sowie eine Seelenwanderung gegeben haben könnte. Mutmaßlich wird überdies der Verlust naher Angehöriger für ihn durchaus ein Thema gewesen sein, wenn auch ein hier unerwähntes. Mit einer solchen Konstellation wären bei dem jungen Krieger damit alle Erlebnisse zur Erlangung der hohen Meisterschaft vorhanden gewesen. Mit einer solchen Annahme wäre hinsichtlich eines möglichen sexuellen Schlüsselerlebnisses dann zu vermuten, dass dessen Auflösung in einer inneren Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte von untergeordneter Bedeutung gewesen sein wird, da stärkere Erlebnisse in der Auflösung vorgehen.

Dennoch sei bezüglich der Behandlung sexueller Erlebnisse am Rande eingeflochten, dass mir diesbezüglich ein gleich altes Fresko (ebenfalls 3500 Jahre alt wie der Diskos) aus Santorini erinnerlich ist, in dem in drei Bildern die Entwicklung aus einem solchen Erlebnis heraus aufgezeigt wird: Ein und dieselbe Frau reicht im ersten Bild symbolhaft ihre Kette (ihre Unschuld), sitzt in Bild zwei in Gedanken versunken auf einem Hocker und wird in Bild drei schließlich als gestärkte Persönlichkeit, aus dem Prozess hervortretend, gezeigt. Dem Betrachter wird neben des dort im Vordergrund stehenden, sexuellen Bezugs noch gleichzeitig ganz allgemein verdeutlicht, wie wichtig die Aufarbeitung von belastenden Erlebnissen in einem Prozess der Einkehr für jeden Menschen ist.

Doch zurück: Der Autor des Diskos jedenfalls dürfte als Junge, als junger Mann sowie als Erwachsener, weiter als Bauer, als Krieger, als Fischer, als Händler, als Normalbürger seiner Zeit wie als ein sich Auslebender alle Höhen und Tiefen eines solchen Lebens mehrfach durchlebt haben. Sein innerer Kampf, offenbar bereits früh durch den Himmel begleitet, beschert ihm dann sogar erste Erkenntnisse, vor dem richtigen, alles auflösenden und Erkenntnisse tiefer Art bescherenden, Leidensprozess jedoch scheut er zunächst noch zurück. In Anbetracht einer sich ihm in Feld 27 offenbarenden weiblichen Gottheit (Gott als Frau) macht er einen verhängnisvoll erscheinenden Rückzieher, kehrt Abwehrhaltung wie Kriegertum erneut heraus. Die Quittung dafür bleibt nicht aus: Er erfährt, wiedergeboren zu werden und noch einmal alle Stationen durchlaufen zu müssen.

Damit ist die Geschichte natürlich noch nicht zu Ende. Schließlich käme niemand auf den Gedanken, ein solches Ausbüchsen vor der eigenen Courage als ein persönliches Vermächtnis anzusehen. Schon deshalb lohnt der Blick auf die B-Seite, um zu erfahren, ob unser bronzezeitlicher Held mutmaßlich eine sich ihm bietende zweite Chance besser zu nutzen wusste. In der Runde bestand im Übrigen trotz der unüberwindlich scheinenden Hürde, der B-Seite des Diskos einen Sinn zu entlocken, die einhellige Meinung, der Krieger könne am Ende so etwas wie ein Heiler geworden sein. Verwundern dürfen im Übrigen solche Probleme nicht, schließlich handelt es sich hier mutmaßlich um Innenansichten aus einem Leidensprozess, sollte denn mein Lösungsvorschlag in die richtige Richtung gehen. Viele Möglichkeiten allerdings, sich als bronzezeitlicher Denker an einem Vermächtnis für die Ewigkeit zu versuchen, sind für mich andererseits auch nicht vorstellbar.  

Feld1:  Geschlossenes Dreieck und Styx
Bedeutung: „Mensch noch verschlossen, der Fluss mit den Lebenserinnerungen aller Menschen davor. Nur eine Lösung nach Seite A denkbar: Zweiter Anlauf“

Feld2:  Schiff, Hammer, Knolle, weiblicher Löwenkopf
Bedeutung: „Befahren des Styx = Auflösung, Hammer = Durchgesetzt, Knolle = Unterirdisch, Löwenkopf = weibliche Gottheit als Jägerin und Aufpasserin“

Feld3:  Geschlossenes Dreieck, Hammer, Lorbeer, Frau, Krieger
Bedeutung: „Inneres wird mit Hammer geöffnet, Lorbeer versprochen von Gott=Frau und zwar dem Krieger ohne Schild“

Feld4:  Geschlossenes Dreieck, rechter Winkel, Kelch, birnenförmiger Kopf mit schreiendem Mund, Zirkel
Bedeutung: „Krieger verschlossen, hält sich für recht gebaut, Schrei angesichts des ihm drohenden Unheils (?) beim weiteren Drehen im Kreise“

Feld5:  Faust, geschlossenes Dreieck, Zweiggabel, weiblicher Löwenkopf, laufende Beine
Bedeutung: „Abwehr brächte keine Öffnung, Zweiggabel ist Abzweig, entweder Arbeit unter Obhut und Aufsicht oder aber Weglaufen“

Feld6:  Gefängnis, rechter Winkel, Hammer, geschlossenes Dreieck
Bedeutung: „Kein Entrinnen scheint möglich, rechter Mann nur noch mit Hammer auf verschlossenen Verstand“

Feld7:  Geschlossenes Dreieck mit Ausfluss, Styx, geschlossenes Dreieck
Bedeutung: „Ein Teil öffnet sich, der andere bleibt verschlossen“

Feld8:  Lorbeer, rechter Winkel, geschlossene Struktur
Bedeutung: „Offenbar erneut gutes Zureden erforderlich“

Feld9:  Schiff, Hammer, geschlossenes Dreieck, Seelenkörper
Bedeutung: „Reise angetreten, mit Hammer auf verschlossenes Wesen und Seelenkörper frei“

Feld10: Faust, geschlossenes Dreieck, Astgabel, weiblicher Löwenkopf blickt auf laufende Beine
Bedeutung: „Rückfall, Abwehr, verschlossenes Wesen, Ausweg wird gesucht, vor Obhut und Aufsicht wegzulaufen“

Feld11: Geschlossenes Dreieck mit Ausfluss, Styx, weiblicher Löwenkopf abgewendet
Bedeutung: „Es tut sich wieder etwas“

Feld12: Wendelstab, Faust, weiblicher Löwenkopf abgewendet
Bedeutung: „Der Frust kommt erneut hoch, Abwehr wird aufgebaut“

Feld13: Faust mit Ausfluss, geschlossenes Dreieck, Astgabel, weiblicher Löwenkopf abgewendet
Bedeutung: „Sein Widerstand erlahmt, freiwillige Rückkehr zum verlassenen Weg“

Feld14: Laufendes Männchen, Seelenkörper, Zirkel, Krieger
Bedeutung: „Schnelle Rückkehr zur weiteren Arbeit an der Seele, Drehen des Kriegers ohne Schild und Abwehr zum Sich-Betrachten-von-allen-Seiten“

Feld15: Fisch, Spulwindel, sitzender Vogel, Lorbeer, Frau
Bedeutung: „Schwimmt nunmehr als Fisch im giftigsten Fluss der Welt, bar allen Schutzes, ein Vogel – der nicht fliegen kann – um Lorbeer von Gott-Frau zu erhalten“

Feld16: Gehendes Kind, Fisch, weiblicher Löwenkopf steht Kopf
Bedeutung: „In den Erinnerungen zurück bis in die Kindheit gegangen, durch geschwommen, der Löwe ‚steht Kopf’“

Feld17: Rechter Winkel, Scheuklappen, Dolch
Bedeutung: „Er muss jetzt richtig durch“

Feld18: (und Wende zum äußeren Ring) Lorbeer, Flamme, Doppelgefängnis, weiblicher Löwenkopf (sowie ein wohl bereits vom Urheber selbst verwischtes Zeichen)
Bedeutung: „Um des Lorbeers willen muss der Krieger nunmehr beide Seelen getrennt voneinander entwickeln, eine wird gleich durch die Flamme aufgezehrt“

Feld19: Krieger mit Schild, laufende Beine, Beutel auf dem Kopf, geschlossenes Dreieck
Bedeutung: „Angst essen Seele auf, am Liebsten auf und davon“

Feld20: Seelenkörper, Styx, geschlossenes Dreieck, Lorbeer
Bedeutung: „Seele hängt jedoch am Styx und für die Öffnung gibt es Lorbeer“

Feld21: Krieger ohne Schild, Feldfrucht, Hammer, Kind
Bedeutung: „Er geht wieder zurück und nimmt das Folgende wie ein zur Abwehr unfähiges Kind hin“

Feld22: Laufende Beine, Schiff, Seelenkörper mit Ausfluss
Bedeutung: „Es läuft wieder, erneut der Styx, diesmal für die zweite Seele, bis diese ihre Substanz verliert“

Feld23: Fisch, Gefängnis, Flamme, Schild
Bedeutung: „Schwimmt nunmehr mit der zweiten Seele als Fisch im giftigsten Fluss der Welt, gefangen in seinem Leiden, dann die weitere Ausbrennung – der zweiten Seele – hinnehmen müssend, kann er sich danach aber wieder selbst schützen und ist nicht mehr auf die ‚Obhut der Löwin’ angewiesen.“

Feld24: Dolch, Hammer, rechter Winkel, Königsmütze
Bedeutung: „Er gewinnt an Kraft zurück, ist recht gebaut und nun ein Weiser“

Feld25: Wendelstab, Läufer, Spulwindel, Fisch
Bedeutung: „Er entwickelt sich schnell zu alter Form zurück und schwimmt wieder wie ein Fisch durchs Leben“

Feld26: Axt, geschlossenes Dreieck, Knospenzweig, Läufer, rechter Winkel
Bedeutung: „Ist in allen Winkeln recht gebaut, ist von innen heraus wehrhaft, weil er bis in die Knospenzeit (Jugend) zurückgelaufen ist“

Feld27: Laufende Beine, Feldfrucht, goldener Körper, Schiff
Bedeutung: „Rückkehr der beiden verbundenen Seelenteile in den doppelt ausgebrannten Körper, die Feldfrucht ist die Frucht der Arbeit, das Schiff ist Symbol der Freiheit des Aufbruchs“

Feld28: Geschlossenes Dreieck, Gefängnis, Beutel, Muschel
Bedeutung: „Die Seele ist wieder verschlossen und gefangen im eigenen Körper. Lohn sind ein mit Geld gefüllter Beutel und ein Krug voller Weisheit“

Feld29: Krieger ohne Schild, Schlange, Astgabel, Beutel
Bedeutung: „Der Krieger ist auf den Schild und auf Waffen nicht mehr angewiesen. Er selbst ist nun verführende Schlange und predigt den anderen Weg, Lohn dafür verheißend“

Feld30: Seelenkörper, Schiff, Blume oder Rosette, gehender Junge
Bedeutung: „Der Lohn aller Mühen ist es, frei zu sein, aufzubrechen, und als Seele statt wiedergeboren zu werden, zu Gott zurückzukehren“

Interpretation: Der zweite Teil der persönlichen Geschichte verläuft mit vorzeigbarem Erfolg und wird daher unseren Helden bewogen haben, sich den Mitmenschen wie der Nachwelt mitzuteilen. Die Auflösung zeigt wohl erneut das Ringen des Verfassers, bei der Stange zu bleiben. Doch werden seine Mühen durch das Ausbrennen beider Seelenteile sowie die Wiedergeburt der von Gott in Liebe wieder miteinander verbundenen Seelenteile gekrönt. Dank des himmlischen Zuspruchs, wie der dem Prozess innewohnenden Bindung, weiter des Eindrucks, behütet und geleitet zu werden), bleibt er dieses Mal standhaft. Dabei darf der wiederholt gezeigte, weibliche Löwenkopf durchaus an die löwenköpfige Göttin der Heilkunst Sachmet im alten Ägypten erinnern.

Dennoch wird diese Zeit ohne Seele trotz der persönlichen Einschränkungen und des Mangels an Entfaltungsmöglichkeiten für ihn keine verlorene Zeit gewesen sein, denn schon Hafis dichtete:

„Bist Du lebend ohne Leben, mag es Wunder Dich nicht nehmen, denn wer würd’ der Trennung Stunden, rechnen zum Betrag des Lebens.“

Eine klare Aussage: Derjenige, der harte Entwicklungsarbeit leistet, wird nicht noch zusätzlich „bestraft“, sondern erhält diese Zeit zu seiner „normal für ihn eingeplanten“ Lebenszeit hinzu. Darüber hinaus wird der Verfasser des Diskos’, so liest sich das für einen Mystiker aus dem Ende der Darstellung heraus, überdies für sich die Gewissheit erfahren haben, nach diesem Leben göttliche Aufnahme erwarten zu dürfen.

Schlussbetrachtung: Die bescheidene Qualität der Spirale im Gegensatz zu der hohen Qualität der Stempel, lässt hinsichtlich letzterer auf eine Auftragsarbeit des Verfassers schließen, so Helmut. Dem dürfte zuzustimmen sein, zumal derjenige, der hohe Kunstfertigkeit in seine Figuren investiert, auch eine solche für das Grundmodell in Ansatz bringen dürfte. Meine Überlegungen gingen allerdings eher in eine andere Richtung: Derjenige, der mit beweglichen Lettern druckt, ist von der Vervielfältigung des Geschaffenen nicht mehr weit entfernt. Hierzu wäre der Diskos einfach mit Farbe zu bestreichen und das Abbild auf Textil oder Papyrus zu drucken gewesen, schon hätte sich die frohe Botschaft in vielen Exemplaren verbreiten lassen. Denkt man an die Bibel, welche die ersten Druckwerke Gutenbergs waren und noch heute die am weitesten verbreiteten Druckerzeugnisse sind, kein so ganz abwegiger Gedanke. Da sich überdies fast alle große Kunst in Kirchen oder Tempeln findet, sich fast alle große Literatur wie alle große Philosophie mit den Sinnfragen des Lebens beschäftigt, darf unterstellt werden, dass auch der Diskos, unter der hier vorgeschlagenen Lösung, zur Ehre Gottes angefertigt worden sein dürfte.

Der hier vorgeschlagene Ansatz ließe sich sogar noch weiter spinnen, denn der Verfasser des Diskos nutzte nicht die damals auf Kreta gebräuchliche Linear A-Schrift, sondern die ersten bekannten Piktogramme der Menschheitsgeschichte. Daraus folgend sind zwei Schlüsse zulässig: Erstens wollte er von einer Vielzahl von Menschen – und dies mutmaßlich über seinen Tod hinaus – verstanden werden und zweitens sprach er möglicherweise nur bedingt die Sprache seiner minoischen Mitbewohner. Vermutet werden dürfte wegen der löwenköpfigen Figur auf dem Diskos daher wohl auch Ägypten als sein mögliches Heimatland. So könnte er als ausländischer Gelehrter gewirkt, auf einer Reise nach Kreta verschlagen oder aber als „politischer Flüchtling“ dort gelebt haben. Dennoch wird ihm erst eine ob seiner Weisheit erlangte, unabhängige Stellung die Möglichkeit verschafft haben, diese Kulturübergreifende Hinterlassenschaft herzustellen.

Greifen wir in diesem Zusammenhang noch Überlegungen zum französischen Philosophen René Descartes auf: Descartes wurde in einem Jesuitenkolleg erzogen, lebte als junger Mann ein teils ausschweifendes Leben, begann danach mit Studien, reiste viel und leistete Kriegsdienst, ohne allerdings wohl das Kriegshandwerk je aus Überzeugung ausgeübt zu haben. Ohnehin dürfte Descartes kein Mörder geworden sein, sonst wäre er als Täter nicht in den Genuss einer Offenbarung gelangt, für die er sich bei der der Gottesmutter mit einer Pilgerfahrt nach Loretta bedankte. Und obwohl er diese Offenbarung zunächst nicht weiter beachtete, wurde sie dennoch für ihn nach einer inneren Einkehr zum Antrieb, eine neue Philosophie zu begründen. Als den schlimmsten Schmerz seines Lebens im Übrigen bezeichnete Descartes den Tod seiner erst fünfjährigen Tochter (möglicherweise dennoch eine göttliche Strafe resultierend aus seiner Soldatenzeit). Betrachtet man sich sein Leben mit dem des Kriegers und Verfassers des Diskos, werden Parallelen auffällig: Es sind dies die strenge Erziehung, das Reisen, ein teils ausschweifendes Leben mit vielen negativen Erlebnissen, Offenbarung, Einkehr, Flucht, die Rückkehr in alte Verhaltensmuster, erneuter Aufbruch usw. Natürlich sind die Begebenheiten der beiden nicht eins zu eins übertragbar, dennoch bewegen sie sich für ihre Zeit auf vergleichbarem Niveau. Daher dürfte es zulässig sein, bei zwei vergleichbar bereiteten Leben und darob von beiden Autoren zur Ehre Gottes geschaffenen Werken, auch in etwa von vergleichbaren Schlüsselerlebnissen als Antrieb auszugehen. Dann müsste zwar für Descartes noch ein Leidens- und Erkenntnisprozess nachgewiesen werden, doch würde mit einer solchen mystischen Lösung deutlich, wer die Menschen lenkt und bewegt. So sei insbesondere daran erinnert, dass der Diskos just in dem Moment verschüttet wurde, nachdem er hergestellt war und er seine Wirkung hätte entfalten können. Dafür jedoch war es dann – wie es Dante nannte – in unserer „Göttlichen Komödie“ aber offenbar noch zu früh.

Soweit nun Ihrerseits aufgrund der oben dargelegten Lösung eingewendet werden mag, dass eine Kombination von Schlüsselerlebnissen (etwa Prügelerlebnisse, Verlust naher Angehöriger, Seelenwanderung, sexuelle Erlebnisse) ja nun so selten nicht sei und daher keineswegs auf eine göttliche Lenkung, geschweige denn hinsichtlich des Verfassers des Diskos oder etwa des Herrn Descartes auf besondere Persönlichkeiten zurück geschlossen werden könne, möchte ich mit Ihnen gar nicht streiten. Allenfalls einzuwenden wäre nämlich, dass diese Lösung auf vergleichbaren Schlüsselerlebnissen sowie einem vergleichbaren Auflösungsprozess meinerseits basiert. Damit wäre selbstverständlich nichts anderes bewiesen, als dass Menschen zu allen Zeiten vergleichbare Erfahrungen machten und darob vergleichbare Überlegungen anstellten. Und mit solch einem bescheidenen Ergebnis ließen sich dann allenfalls noch die Religionen auf die Erlebnisse und die darüber angestellten Überlegungen der Stifter zurückführen, mehr aber nicht. 

Insoweit kann es denn auch nicht verwundern, dass andere Menschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen in völlig unterschiedliche Lösungsentwürfe einbrachten. Dass es deshalb weitere Interpretationen des Inhaltes der tönernen Scheibe von der unterschiedlichsten Art gibt, mag somit wenig überraschen. Ich halte im Übrigen die Überlegungen hinsichtlich eines Kalenders für gar nicht so abwegig, schließlich besteht das gesamte All aus Mathematik und Physik, warum nicht auch das bescheidene Leben eines Kriegers und späteren Philosophen aus minoischer Zeit.

Und mit diesen, an dieser Stelle zum Thema letzten Gedanken meinerseits möchte ich nunmehr noch einen weiteren Sinn dieser Website ins Spiel bringen: Falls Ihnen jetzt einige Einfälle und sonstige Überlegungen hinsichtlich des Diskos’ gekommen sein sollten, Sie Lust verspüren, sich zu Geschichte allgemein, zu Mystik, zu Literatur, zu Philosophie, zu Kunst oder etwa zu Mystik und String-Theorie zu äußern, trauen Sie sich und bringen Sie sich mit einem Beitrag in das Forum ein. Vielen Dank.

Nachtrag: Weitere Gedanken zu der Scheibe wird es im Übrigen einmal in der Neuauflage der „Grundstrukturen der Religionen“ geben, falls sich die Zeit findet. Geplant ist das Werk etwa ab 2010, dann hier als eBook erhältlich. Noch einmal zwei Jahre später sollen dann die Sage(n) folgen.

© 2008 Claus-Peter Peters - Alle Rechte vorbehalten - webdesign www.kikibanana.de