Auszug aus: Die Reise in die Seele
Geschichte(n), Zitate, Analysen und Traktate
von Claus-Peter Peters / Alle Rechte liegen beim Autor.
I. Themenanschnitt
Der chinesische Philosoph und Mystiker Laotse, ein weiser und zu Gott geneigter Mensch, galt zumindest einem Teil seiner Anhänger vor mehr als zweieinhalb Tausend Jahren als der Messias. Er wurde mit seinem Buch Tao-te-king zu einem der Begründer des Taoismus, einer mystischen Denkrichtung und späteren Religion. Er selbst sah sich dagegen nur als ein Spruchdichter, der seine Lebenserfahrung in einer Art Gedichtform zu vermitteln suchte. Seiner Bescheidenheit zugute kam, dass er kein Weiser unter Dummen, sondern ein Suchender unter ebenfalls Suchenden war.
So hatte er Mitstreiter und Nachfolger, Männer und vermutlich ebenso Frauen, die für sich fündig geworden waren.Diese Gruppe von Menschen, herauszustellen sind hier weiter die Herren Liätsi und Djuang-Dsi, tauschte Erfahrungen aus, die aus Selbsterkenntnisprozessen stammten. Sie beschäftigten sich zudem nicht nur mit Mystik, sondern sie sahen sich in der Person des Konfuzius und der durch ihn wiedererweckten chinesischen Amtskirche schamanisch geprägten Denkern wie Schamanen gegenüber, an denen sie die von ihnen geschöpften Erkenntnisse messen konnten. Daran anknüpfend entwickelte sich im Spannungsfeld zwischen Mystik und Schamanentum eine fruchtbare Auseinandersetzung um Erkenntnisse aus den Bereichen menschlichen Lebens, wie etwa um dessen Sinn oder aber um die Schöpfung selbst.
Solche Entwicklungen waren bereits früheren Kulturen nicht fremd, sondern geradezu deren Motor, so schon nachweisbar etwa am ältesten Tempel der Menschheit in Göbekli Tepe in der Türkei, im Zweistromland, im alten Ägpten, im alten Indien oder auch schon im frühen Australien. Doch in keiner anderen frühen Kultur erreichten die Bemühungen der Mystiker die Qualität der Meister um Laotse. Trotz dieser guten Voraussetzungen, langfristig eine philosophische Schule aufzubauen, gab es irgendwann, aus mutmaßlich gesellschaftspolitischen oder geschichtlichen Gründen (Unterdrückung, Hungersnöte, Kriege usw.) keinen „Nachwuchs“ mehr, jedenfalls verkam die ursprünglich philosophische Denkrichtung schließlich zu einer reinen Religion, die sich zudem mit der schamanischen Amtskirche staatlich unterstützter Konkurrenz ausgesetzt sah. Heutzutage ist der Taoismus zwar wieder eine philosophische Denkrichtung, dennoch in der Tiefe unverstanden, weil eine kontinuierliche Fortführung durch immer neue Meister unmöglich war. Und die rein religiösen Vorstellungen, hier wie dort von ohnehin eher untergeordnetem Interesse, wurden zwischenzeitlich an den Buddhismus angebunden.
Hier und heute geht es nun darum, dieses alte Wissen erneut und zudem möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, weil sich aus der Auflösung von Schlüsselerlebnissen, den Knoten des Lebens, im mystischen Prozess Weisheit schöpfen lässt. Dabei soll ein jeder bereite Mensch, von belastenden Erlebnissen befreit, einen Weg zu Gott aufgezeigt erhalten, um hernach persönliches Glück bildend und im Interesse der Gemeinschaft, gestalten zu können. Betrachten wir uns den Kreislauf der Wiedergeburten, bis göttliche Aufnahme der Seele erreicht wird, sollen immer neue Meister die Arbeit fortführen und Hilfestellung bieten. Letztendlich muss die Pilgerreise bis zum „letzten Mohikaner“ offen gehalten werden. Weil aber auch Schamanen ihre Kraft aus einem solchen Prozess ziehen, um dann in Seancen Reisen mit der Freiseele zu unternehmen, um nämlich Kenntnisse über die Welt oder Heilwissen zu erhalten, ist es überdies wichtig, Unterschiede, Wege und Auswirkungen eines entsprechenden Seelenentscheids zu erläutern.
Hier mag eingewendet werden, dass Schamanen einen sehr großen Beitrag für die Entwicklung der Menschheit geleistet haben, insbesondere in fast allen alten Kulturen, in denen es ja noch keine wissenschaftliche Forschung gab. Dennoch wird aufzuzeigen sein, dass wir heute nur noch aus einem mystischen Seelenentscheid Gewinn für uns selbst und für alle ziehen können. Denn für den Schamanen ist der Seelenentscheid, mit der Freiseele zu reisen, eine Sackgasse, weil er sich als Heiler aufopfert und dennoch wiedergeboren werden muss, während heutzutage niemand mehr schamanischen Wissens bedarf. Dafür sind nämlich unsere Erkenntnisse um naturwissenschaftliche Zusammenhänge inzwischen zu gewaltig und überdies zu wohl strukturiert.
Im Bereich der Mystik haben Denker wie Laotse, Liätsi. Djuang-Dsi, Hafis, Rumi, Goethe, Hesse, Nietzsche, aber auch Descartes eine gewaltige Vorarbeit geleistet, auf die wir nunmehr zurückgreifen dürfen. Ohne hier bereits der Darstellung des mystischen Systems mit seinen Möglichkeiten vorzugreifen, seien vorab noch einige grundlegende Strukturen vorgestellt, wie sie schon vor zweieinhalb Jahrtausenden von den alten Chinesen herausgefunden, dann jedoch nicht mehr verstanden wurden. So kannten Laotse und seine Mitstreiter drei Stufen der (mystischen) Meisterschaft, den niederen Meister, der lediglich ein göttliches Urteil aufgrund einer Verfehlung erhielt, den mittleren Meister, der wie der niedere Meister Gott nicht schaute, sondern ein Zweifler blieb, sowie den hohen Meister, der Gott als Weltenmutter wahrnehmen konnte. Heutzutage kann in fünf Stufen der Meisterschaft unterschieden und jeder Stufe Schlüsselerlebnisse zugeordnet werden:
Im Rahmen niederer Meisterschaft erhält etwa ein Mörder, Kinderschänder oder Vergewaltiger lediglich einen Schuldspruch, noch soundso viele Leben auf der Erde leben zu müssen, ohne sich etwas zuschulden kommen lassen zu dürfen. Auch die Tötung aus Notwehr, jedoch mit der Möglichkeit der Aufnahme der Seele für das Leiden, gehört in diese Gruppe.
Die mittlere Meisterschaft ersten Grades ist über die Auflösung eines sexuellen Opfer-Schlüsselerlebnisses zu erreichen. Aufgrund des notwendigen Wechsels im Auflösungsprozess von der Opfer- auf die „Täter“-Seite, kann jedoch ein solcher „Täter“ Gott nicht schauen, denn dieses Privileg steht nur einem Opfer zu. Dafür aber darf etwa das Opfer einer Vergewaltigung andererseits, sozusagen als „Belohnung“, entscheiden, wiedergeboren zu werden oder aber göttliche Aufnahme zu erfahren.
Eine mittlere Meisterschaft zweiten Grades findet sich bei scheinbarer Täterschaft, wenn etwa die Last eines unverschuldeten Erlebnisses in der Kindheit einem Menschen das Leben derart „verhagelt“, dass derjenige am Ende vor einem Scherbenhaufen steht. Der scheinbare Täter kann zwar Gott schauen, bleibt als Täter aber Zweifler. Nur auf diesen beiden Stufen mittlerer Meisterschaft übrigens ist der Täter/Opfer-Tausch statthaft. Damit sei an dieser Stelle psychologischen Erklärungs- und Entschuldungsversuchen entgegengetreten, die aus jedem Mörder oder Kinderschänder das Opfer der Gesellschaft oder des Elternhauses zeichnen wollen und sich anschließend noch über die Rückfälle derart therapierter Personen „wundern“.
Hohe Meisterschaft dann erreicht etwa die Leidende einer erzwungenen Abtreibung, die sich als Nicht-Mörderin an Gott mit der Frage einer sie nicht treffen könnenden Strafe wendet. Sie erfährt, dass ihr – sofern ihr vorangegangenes und ihr weiteres Leben es zulassen – göttliche Aufnahme gewiss ist.
Eine letzte Stufe schließlich, die Laotse wohl aus Bescheidenheit unterschlug, ist die Rätselmeisterschaft, die zum Beispiel einem Mann offen steht, der aus Liebe zu einer Frau das Rätsel der Abtreibung löst. Kaum zu glauben, ist auch ein bekannter Philosoph deutscher Zunge zu den Rätselmeistern zu rechnen: Friedrich Nietzsche, der natürlich kein Atheist war, weil er über das christliche Gottesbild spottete oder Jesus einen humpelnden Krüppel nannte, genauso wenig er Nihilist war, nur weil er die Werte dieser Gesellschaft in Frage stellte, obendrein Gegenentwürfe bot.
Der geneigte Leser mag erkennen, dass es bezüglich des persönlichen Schicksals zunächst einmal um göttliche Aufnahme geht. Betrachtet man darüber hinaus die Menschheit als Ganzes, ist es ebenso von Interesse, einen Kontakt zur Weltenmutter herzustellen wie diesen aufrecht zu erhalten, um sich nämlich ihrer Hilfe für Mensch, Tier und Pflanze usw. zu bedienen. Ein hierzu bereiter Mystiker wird nach seinem Leiden für die Gesellschaft arbeiten, erfährt dafür aber nicht nur Seelenheil und innere Ruhe, sondern darüber hinaus weiter ihre Unterstützung. Auch ohne Entgelt gehen dann persönliche Vorteile und solche für die Gemeinschaft Hand in Hand.
Dass es im Übrigen in Anbetracht der Schlüsselerlebnisse und der nachfolgenden Auflösungswege im Rahmen des aufgezeigten göttlichen Belohnungs- und Bestrafungssystems unterschiedliche Anschauungen über das Geschlecht Gottes gab, darf nicht verwundern. Denn nur ein Opfer ist es wert, Gott selbst zu schauen, während ein Täter im besten Falle Gottes Güte und Gnade verspüren darf. Und dies auch nur dann, wenn seine Schuld nicht zu groß und er vom Wunsch, zu Gott zurückzukehren, beseelt war.
Damit sei noch ein letzter Aspekt herausgestellt: Wenn Sie sich die Religionen, insbesondere die Lehren und deren Stifter betrachten, müssten Sie bereits mit nur geringen Grundkenntnissen über Glaubenslehren herausfinden können, auf welcher Stufe der Meisterschaft diese geschöpft wurden, sofern diese natürlich auf einen Mystiker und nicht etwa auf einen mit der Seele reisenden und daher zwischendurch für etwa drei Tage abwesenden Schamanen zurückgehen. Doch sei an dieser Stelle nicht zuviel verraten.
Noch eines vorweg: Sie befinden sich als angehende/r Mystiker/In unter den Dichtern und Denkern. Ein wenig Kopfarbeit ist für den Prozess des Erkennens daher schon vonnöten. Hier wie überall gilt deshalb, wer in der Schule nicht aufgepasst hat, hat ebenso auf dem Weg zu eigener Weisheit „schlechte Karten“. Er bestraft sich doppelt, nämlich im Leben herum geschoben zu werden und obendrein wiedergeboren werden zu müssen. Doch nun genug der ersten Worte und „Glück auf“ für Ihre persönliche Pilgerreise.