Zum Begriff „Freie Mystik“,
zu „neuen“ Heilmethoden sowie zu einer ganzheitlichen Betrachtung
von Claus-Peter Peters
Vorbemerkung: Neben der Schulmedizin haben sich in den letzten Jahren eine ganze Reihe „neuer“ Heilmethoden etabliert, wie etwa Hypnose, Reiki (Auflegen der Hand), Akupunktur, Homöopathie usw. die hier im Einzelnen nicht durchgesprochen werden sollen. Vielen gemeinsam ist, dass der Anwender keine genaue Vorstellung von der Wirkungsweise seiner Heilkunst oder Kenntnisse über die inneren Zusammenhänge hat. Aufgrund der körperlich erkennbaren Heilerfolge jedoch vermutet man unter anderem einen heilenden Einfluss auf die Seele, obwohl man schon über deren Existenz lediglich spekuliert. Allenfalls bekannt ist, dass die Lebensgeschichte eines Menschen Einfluss auf dessen Gesundheit nimmt und Krankheiten hervorrufen kann. Schließlich gibt man sich damit zufrieden, dass die Anwendungen helfen.
Ohne vertieft zu ergründen, lässt sich bereits aus dieser Kurzdarstellung wie der erfolgten Verbindung zur Seele die erste Überlegung ableiten, dass wohl Beschwernisse der Seele Energieflüsse stören und somit Krankheiten auslösen können. Mutmaßlich wird es sich bei der Seelenlast daher um „unverdautes Leid“, also um nicht aufgelöste Schlüsselerlebnisse (Knotenpunkte des Lebens) handeln, die hier die Lebensströme behindern. Betrachtet man sich darob die Heilerfolge, dürften die „neuen“ Heilmethoden auf genau diese Störungen oder „Verknotungen“ einwirken oder aber die begleitenden Gesprächstherapien hier zu den gewünschten Erfolge führen. Diese heilenden Kräfte bringen dann nachfolgend offenbar die Energieflüsse wieder in Gang, sodass die Selbstheilungskräfte des Körpers diesen zurück in ein körperliches wie auch ein seelisches Gleichgewicht führen können.
Ein solcher ganzheitlicher Ansatz (Einheit von Körper und Seele) lag der chinesischen Heilkunst (I Ging, TCM) schon immer zugrunde, er war auch in der traditionellen Medizin Europas bis ins Mittelalter hinein bekannt, wurde jedoch durch die Schulmedizin verdrängt. Wenn man so möchte, sind im Grunde also alle „neuen“ Heilmethoden nur Schritte von der Schulmedizin weg hin/zurück zu einer erneuten ganzheitlichen Betrachtung des Menschen. Nehmen wir deshalb, um uns im Weiteren dem Thema der kleinen Betrachtung zur „Freien Mystik“ zu nähern, für die folgenden Überlegungen mit, dass Lebensgeschichte einerseits und Gesundheit/Krankheit andererseits in einem inneren Zusammenhang stehen, welcher über die Seele vermutet wird.
Nun ist diese Welt keineswegs so völlig ohne Kenntnisse hinsichtlich der Seele und deren Einfluss auf die Gesundheit eines Menschen. Schließlich ist die Menschheitsgeschichte bereits mehrere Millionen Jahre alt und es haben sich zu allen Zeiten und an allen Orten Menschen mit ihrer Seele und ihrer Gesundheit auseinandergesetzt. Folglich finden sich in den Schriften oder Lehren von Dichtern, Denkern sowie Religionsstiftern hierzu Hinweise, ja sogar Anleitungen zur Selbsthilfe, wie durch die Arbeit mit den zugrunde liegenden Erlebnissen seelisches Leid in Erkenntnisse verwandelt werden kann (und wie dadurch Krankheiten vermieden oder beseitigt werden können).
Hierzu am Rande notiert, beginnen seelische Selbstheilungs- (Leidens-) Prozesse häufig mit körperlichen Schmerzen ohne klinischen Befund. Ethnologen sprechen diesbezüglich von der „Schamanenkrankheit“, weil sie bereits für Schamanen beschrieben, aber natürlich Mystikern ebenso wenig fremd ist. Arbeitet der „angehende Mystiker/Schamane“ trotz der körperlichen Schmerzen dann jedoch nicht an den seelisch belastenden Erlebnissen, sondern verdrängt das heilende Leiden, hat er sich oftmals später nachfolgend mit den tatsächlichen Krankheiten herumzuschlagen. Meist sind es im Übrigen Schmerzen im Unterleib, die zu Unterleibskrankheiten etwa der Geschlechtsorgane, der Harnwege, des Darms oder sogar zu Krebs führen können. Auch hieraus lässt sich ein weiteres Mal der Schluss ziehen, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen seelisch bedingten, körperlich erkennbaren Erkrankungen geben wird.
Nach der oben vorgestellten „Schamanenkrankheit“, dem „vergleichbaren Start“ von Mystikern und Schamanen, ist folgend von einem so genannten „Seelenentscheid“ zu berichten, der die beiden Wege Mystik und Schamanentum voneinander trennt. Er zieht sich durch die gesamte Religionsgeschichte, wie zudem durch Teile der Literatur- und Philosophiegeschichte. Denn beide Wege sowie der dafür notwendige Entscheid waren bereits früh bekannt. So ist im Totenbuch der alten Ägypter immer wieder von beiden Wegen die Rede, es lebt sogar von dieser Dualität. Ähnliches lässt sich für die Veden im Hinduismus nachweisen und noch älter könnten die religiösen Vorstellungen der Ureinwohner Australiens sein, deren Schamanen (die Clever Men der Aborigines) sogar bewusst und gewollt Einfluss auf den Entscheid der Leidenden nehmen. Unter den Autoren sind insbesondere Goethe, Hesse, Nietzsche und auch Dante zu nennen, die in ihren persönlichen Entwicklungsromanen auf den „Torweg Namens Augenblick“ abheben, wie ihn Nietzsche nannte. Dennoch ist dieser „Seelenentscheid“ für den männlichen oder den weiblichen Seelenteil nicht zwangläufig für jeden Prozess des eigenen Erkennens und der persönlichen Heilung vonnöten. Es kommt auf die zugrunde liegenden Schlüsselerlebnisse an, ob ein solcher ansteht. (Kleine Ergänzung: Neben Mystik und Schamanentum sind die fünf Grundelemente einer jeder weltanschaulichen Lehre ferner der Okkultismus, die Kontaktaufnahme zu Geistern, die philosophische (Fort-) Entwicklung einer Lehre sowie die Ausbildung priesterlicher Riten. Doch sei nicht zuviel eingeflochten.)
Schamanentum bedeutet im Übrigen das Herausfahren eines Seelenteils (Freiseele), um in einer Seelenreise in Kontakt zu Geistern zu treten (im Okkultismus: Kontaktaufnahme zu Geistern, ohne mit der Seele zu reisen). Während die Vitalseele den Körper des Schamanen nur minimal am Leben erhält, (sodass etwa Blut und Wasser aus einem wie tot erscheinenden Körper ausfließen können), ist die Freiseele von Geistern begleitet unterwegs (und kann auch durchaus erst nach drei Tagen in den Körper zurückkehren, wie aus dem Christentum bekannt).
Mystik stellt dagegen eine rein innere Hinwendung zu Gott dar, welche allerdings in einem qualifizierten Prozess des Erkennens (nicht nur Empfang eines Gottesurteils) nach der Vernichtung der Vitalseele sogar mit dem Ausbrennen der Freiseele einhergehen kann (Statt mit der Seele zu reisen, kommt es in der Mystik also auf ein Seelenopfer an). Hierzu der dem Islam zugerechnete Mystiker Hafis: „Der Liebe Bahn ist eine Bahn, die keine Grenze kennt, und wo man Seelenopfer nur als Rettungsmittel nennt“ oder „Bin ich lebend ohne Leben“ (nämlich ohne Seele), „mag es wunder dich nicht nehmen: Denn wer würd’ der Trennung Stunden (ohne Seele), rechnen zum Betrag des Lebens?“ Nach seinen Worten also ist die Zeit ohne Seele, bis diese mit Erkenntnissen versehen zurück in den Körper geboren wird (Peter Kingsley nennt sie in „Die Traumfahrt des Parmenides“ die Zeit des Sterbens ohne zu sterben), eine zum Betrag des Lebens (das man normalerweise zur Verfügung hat) zu addierende Zeit.
Zum Seelenentscheid selbst nehmen wir die Darstellung des Johann Wolfgang von Goethe heraus, der das Werk hierum in seinen Tagebüchern sein „Hauptgeschäft“ nannte (siehe Literatur-Brockhaus). Die Rede ist vom „Faust“, dem persönlichen Entwicklungsroman aus seiner Feder, in dem er seinen Weg zuerst als Schamane und eines aufgrund besserer Einsicht später erfolgten Wechsels auf die mystische Seite hin beschreibt.
Goethe beginnt den Faust im Kapitel „Nacht“ u. a. mit den Sätzen: … „Drum hab ich mich der Magie ergeben, ob mit durch Geistes“ (Geister) „Kraft und Mund nicht manch Geheimnis würde kund“… und wenig später … „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“ … Schamanentum ist auf Welt- und Heilwissen gerichtet und wird durch Geisterbefragung in Séancen erlangt. Goethe in „Vor dem Tor“: „Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust, die eine will sich von der anderen trennen, die eine hält in derber Liebeslust, sich an die Welt mit klammernden Organen“ (Schamanentum: Vitalseele), „die andere hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen“ (Schamanentum: Freiseele). Und „O gibt es Geister in der Luft, die zwischen Erd’ und Himmel herrschend weben“ … (Dies war im Übrigen im alten Ägypten das Zwischenreich des Achs, in dem die wieder auf die Erde zurückkehrenden Seelen zu verharren hatten, um des erneuten Versuchs willen, sich zu vervollkommnen.
Zur Notwendigkeit der Vervollkommnung Goethe im Faust, zweiter Teil, Klassische Walpurgisnacht „Sphinx: Sprich nur dich selbst aus, wird schon Rätsel sein. Versuch’ einmal dich innigst aufzulösen: Dem frommen Manne nötig wie dem bösen, dem ein Plastron, asketisch zu rapieren, Kumpan dem andern, Tolles zu vollführen, und beides nur, um Zeus zu amüsieren.“ Und Dschelaladdin Rumi zum Sinn des mystischen Leidens: „O ihr Kenner des Schönen, schweifend in dieser Welt, lasst Euch vom Blendwerk nicht verwirren; was ihr sucht in dieser Welt: In euch selbst ist es verwahrt, dort müsst ihr suchen.“
Aufgrund des von Goethe erkannten, notwendigen Wechsels auf die mystische Seite: „Anaxagoras (nach einer Pause feierlich) Konnt’ ich bisher die Unterirdischen“ (nämlich Schamanen, Geister) „loben, so wend’ ich mich in diesem Fall nach oben… Du! droben ewig unveraltete, Dreinamig-Dreigestaltete, Dich ruf’ ich an bei meines Volkes Weh, Diana, Luna, Hekate! Du Brust-erweiternde, im Tiefsten-sinnige, Du ruhig-scheinende, gewaltsam-innige, Eröffne deiner Schatten grausen Schlund“ (Seelenaufnahme im Traum!), „die alte Macht sei ohne Zauber kund!“
Hier werden einerseits klar der von ihm vollzogene Wechsel und andererseits die im Prozess erfolgende Wahrnehmung von Gott als einer Frau angesprochen. Da Faust zudem im zweiten Teil zum Gestalter wird, weil er mithilfe göttlichen Wissens (Göttlicher Erkenntnis) in das Weltgeschehen eingreift, endet der Faust in Demut mit den Worten des Doctor Marianus, des von Gott (Maria) geprüften Mystikers und Weisen: „Jungfrau, Mutter, Königin, Göttin bleibe gnädig!“ Anders als ein Religionsstifter, der sich selbst zum Übermenschen erhob, ist sich der Mystiker seiner Verantwortung vor Gott bis zum letzten Atemzug bewusst.
Nach diesen grundlegenden Überlegungen zur Heilung der Seele, um körperlichen Erkrankungen zu entgehen oder diese positiv zu beeinflussen, damit nun zum Begriff „Freie Mystik“: Aus den obigen Darstellungen heraus sollte bereits klar sein, dass sich die freie Mystik zwar mit einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen und der Auflösung von Schlüsselerlebnissen beschäftigt, aber Religionen oder religiöse Schriften allenfalls als Quellen für weitergehende Untersuchungen nutzt. Keinesfalls wird eine neue Religion gegründet oder propagiert. Vielmehr werden unterschiedliche Ergebnisse unterschiedlicher Erkenntnisprozesse miteinander verglichen und diese in einen göttlichen Belohnungs- und Bestrafungssystem dargestellt. Denn damit lassen sich in der Folge auch die Religionen auflösen, sodass es auf der Erde weitaus friedfertiger werden könnte. Des Weiteren könnte mit dem Aufräumen des Planeten über Ländergrenzen hinweg zur Sicherung der Naturvielfalt und der Lebensgrundlage für nachfolgende Generationen begonnen werden.
Damit noch zu den Ergebnissen aus unterschiedlichen Erkenntnisprozessen im Einzelnen: Seit Laotse, dem wohl eigentlichen Begründer der „Freien Mystik“ unterscheidet diese in mindestens drei Stufen der mystischen Meisterschaft: Die niedere Meisterschaft (aufgrund nur eines Gottesurteils etwa wegen Mordes oder Tötung aus Notwehr), die mittlere Meisterschaft (aufgrund sexueller Schlüsselerlebnisse, Opfer-Täterschaft und umgekehrt) sowie die hohe Meisterschaft wie auch die Rätselmeisterschaft (aus etwa der Auflösung der Abtreibung). Mit den in Klammern gesetzten Schlüsselerlebnissen sind die Ursprungserlebnisse dargestellt, die den einzelnen Meisterschaftsstufen zugrunde liegen. Analysiert man nun umgekehrt die religiösen Lehren anhand der Ergebnisse der auflösenden Leidensprozesse, lassen sich Leben, Wirken und Lehren der Religionsstifter bis auf deren Schlüsselerlebnisse zurückführen. So etwa darf ein Täter Gott nicht schauen, dies ist als Privileg nur einem Opfer vorbehalten. Dies bedeutet für das Opfer eines sexuellen Übergriffs, das zur Auflösung von der Opfer- auf die Täterseite wechseln muss, es daher Belohnung für das Leiden auf der Ebene göttlicher Selbsterkenntnis nur in Form der Wahl zischen Wiedergeborenwerden und Verlöschen der Seele erhält. Auch steht dem Opfer keine „Göttliche Erkenntnis“ im eigentlichen Sinne (Gott = FRAU/Mann/Liebe) zu, das Opfer erhält aber „Mystische Welt- und Menschheitserkenntnis“ (Der Mensch ist eine Zelle des großen mystischen Menschen und Gott der nicht zu erkennende Kopf des Gebildes). Buddha entwickelte aus einem solchen Traumbild heraus seine religiöse Vorstellungswelt, ähnlich wie der Mahavira im Jainismus. Mohammed als niederer Meister dagegen wollte seinen Anhängern Leid ersparen. Weil er für das Leiden um eine Tötung in Notwehr erfuhr, dennoch göttliche Aufnahme erwarten zu dürfen, entwarf er gleich eine ganze Rechtsordnung, in dem Glauben, von Gott hierzu gesandt und erwählt worden zu sein.
Nachtrag: Gelegentlich findet sich neben religiös geprägter Mystik (?) der Begriff „säkulare (weltliche) Mystik“, der vom kanadischen Arzt Richard Maurice Bucke in seinem Werk „Cosmic Consciousness“ geprägt wurde. Nach seiner Auffassung seien im Rahmen veränderter Bewusstseinszustände allgemein mystische Erfahrungen möglich, die unabhängig von Religionen seien (Wikipedia zu „Maurice Bucke“). Aufgrund eigener Erfahrung sei zunächst versichert, dass Mystik immer einer persönlichen Hinwendung zu Gott entspringt. Folglich gibt es keine weltliche, von Gott getrennte Mystik. Schließlich geht es im Bereich der Mystik im Wesentlichen um den eigentlichen Sinn des Lebens, nämlich um die Aufnahme der Seele aus dem Geburtenkreislauf. Nicht zu verwechseln ist Mystik zudem mit dem frömmelnden Mystizieren innerhalb der Religionsgemeinschaften. Denn es gibt im Grunde keine religiös geprägte Mystik, weil der sich Gott-Zuwendende mit der von ihm vollzogenen Hinwendung zum Stifter seiner eigenen Religion wird. Hierin liegt auch ein Grund für die tiefe Überzeugung der Religionsstifter, die Wahrheit ans Licht gehoben zu haben. Es ist aber nur die Wahrheit aus einem Erkenntnisprozess, sodass mangels Korrektiv mancher der Stifter gewaltig über den Wert seiner Einsichten irrte. Zu einer kritischen Selbsteinschätzung gehört natürlich auch ein Prozess um mehr als nur ein Schlüsselerlebnis, dies aber nur am Rande.
Wer sich also auf diesen Weg einlässt, kehrt zwangsläufig der Glaubenslehre, in die er geboren wurde, den Rücken. Hierzu Johann Wolfgang von Goethe in Zahme Xenien: „Wer Kunst und Wissenschaft besitzt, hat auch Religion, wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.“ Sicher dürfte er im Übrigen „Kunst“ im Sinne Betrachter oder Leser tatsächlich bildender Kunst und „Wissenschaft“ im Sinne einer nüchternen Analyse und der Anwendung reiner Logik bezüglich der Gedankenführung verstanden haben.
Langenfeld, den 13.10.2008